Der Krieg in Syrien ist beendet – doch beendet für wen?
27.11.2025
Wer in den letzten Wochen regelmäßig die Nachrichten verfolgt hat, ist öfter Aussagen der Art begegnet wie „Der Bürgerkrieg in Syrien ist beendet“. Es könnte schon fast der Eindruck entstehen, mit dem Ende des Assad-Regimes sei die Menschenrechtslage in Syrien wieder stabil. Mit dieser Begründung soll Syrien auf politischer Ebene künftig wieder als sicheres Herkunftsland eingestuft werden, in das abgeschoben werden darf. Wir möchten einen genaueren Blick auf diese, unserer Einschätzung nach, grob vereinfachte Darstellung werfen.
„Wenn über Syrien gesprochen wird, fallen häufig zwei Aussagen in einem Atemzug: das alte Assad-Regime ist weg und Syrien sei nun wieder sicher. Aber das eine bedingt noch lange nicht das andere! Unsere syrischen Patient:innen in der Tagesklinik wissen das nur allzu gut. Sie haben oft noch Bekannte oder Freund:innen vor Ort, die ihnen sehr lebhaft beschreiben können, wie dort bis heute jegliche Lebensgrundlage fehlt”, erzählt Wail Diab, Psychiater und Co-Leitung der Tagesklinik im Zentrum ÜBERLEBEN.
Ein Großteil der Menschen, die bei uns in Behandlung sind, sind vor fünf bis zehn Jahren aus Syrien geflohen. Sie und ihre Familien haben sich mittlerweile ein neues Leben in Deutschland aufgebaut. Je nachdem, wie jung sie bei der Einreise waren, haben sie in Deutschland eine prägende Sozialisierung erfahren, Bildungsabschlüsse gemacht und neue berufliche und persönliche Perspektiven entwickelt. Viele Kinder haben die meiste Zeit ihres bisherigen Lebens in Deutschland verbracht und erinnern sich an das Herkunftsland ihrer Eltern kaum noch.
„Man muss sich vorstellen: Menschen, die aus Syrien geflohen sind, haben wegen des Krieges alles verloren”, schildert Wail Diab die Situation der Patient:innen. „Ihr Zuhause und teilweise Familienangehörige oder Freund:innen. Nach ihrer Flucht versuchen sie Tag für Tag, sich mit viel Mühe in Deutschland eine Zukunft aufzubauen, ein neues Zuhause zu schaffen, das sich auch wie eines anfühlt. Wir beobachten in der Tagesklinik täglich die Bemühungen und Fortschritte unserer Patient:inn. Nachdem sie schon einmal ganz von vorne anfangen mussten, würde man ihnen mit einer Abschiebung erneut ihre Lebensgrundlage nehmen. Das ist psychisch unzumutbar und lässt sich auch mit Blick auf die jetzige politische und humanitäre Lage in Syrien nicht rechtfertigen.”
In den Bildern der medialen Berichterstattung ist das Ausmaß der Zerstörung unschwer zu erkennen. Es wird sehr viel Zeit und Arbeit in Anspruch nehmen, Syrien wieder aufzubauen. Nach der anfänglichen Hoffnung über den Regierungssturz werden außerdem die kritischen Stimmen zum syrischen Übergangspräsidenten al-Scharaa immer lauter. Meldungen über Massaker an alawitischen und drusischen Minderheiten haben zuletzt die Welt schockiert. Im Juli dieses Jahres kam es in der Provinz Suweida zu brutalen Angriffen, in denen die drusische Bevölkerung in Massen von der islamistischen Miliz Hayat Tahrir al-Sham (HTS) getötet wurde. Dem Präsidenten, dem die HTS-Miliz nahesteht, wird vorgeworfen, nicht genug Maßnahmen zum Schutz der Minderheiten vorgenommen zu haben.
„Die akute Bedrohungslage in Syrien ist für alle Menschen, die das Land verlassen haben, weiterhin deutlich spürbar. Für mich steht außer Frage: Dort ist aktuell kein sicheres Leben möglich.” – Wail Diab
Die psychosoziale Versorgung von schwer traumatisierten geflüchteten Menschen in der Tagesklinik des Zentrum ÜBERLEBEN wird u.a. gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie der UNO-Flüchtlingshilfe. Außerdem wird die Tagesklinik im Zentrum ÜBERLEBEN in Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin-Campus Mitte (CCM) betrieben.