Positionspapier des Zentrum ÜBERLEBEN

Schutz für Menschen aus Syrien

Berlin, 23.02.2026

Die Bundesregierung arbeitet daran, Abschiebungen nach Syrien wieder verstärkt umzusetzen. Währenddessen schockieren täglich Nachrichten über die Menschenrechtslage vor Ort. Seit der Machtübernahme des Übergangspräsidenten al-Scharaa vor etwa einem Jahr ist zwar der Krieg offiziell beendet – in Sicherheit leben die Menschen in Syrien aber noch lange nicht. Die neuesten Entwicklungen in Nord- und Ostsyrien sind dafür ein weiterer Beleg.

Bombardierte Dörfer und Städte, gekappte Wasser- und Stromversorgung – die aktuellen Berichte aus der Autonomieregion Nord-und Ostsyriens/Rojava sind erschreckend und ein Armutszeugnis für die Menschenrechtslage in Syrien. Während der Bürgerkriegsjahre hat sich Rojava zu einer Autonomieregion im Norden und Osten des Landes entwickelt, die international aufgrund ihres militärischen Einsatzes gegen den IS bekannt und unterstützt wurde. Die Region hat sich außerdem durch ihr Bestreben hervorgehoben, demokratisch-föderale und multiethnische Strukturen aufzubauen sowie allen Bevölkerungsgruppen Syriens bestmöglichen Schutz und Stabilität zu bieten. Ziel der aktuellen Zentralregierung Syriens scheint es jedoch zu sein, sich diese Autonomieregion einzuverleiben und ein Schlussstrich unter die dort bestehenden demokratisch-pluralistischen Ansätze zu machen. Dafür ist ihr jedes Mittel recht, und nachdem Verhandlungen im Dezember scheiterten, wurden im Januar von al-Sharaa Regierungstruppen und islamistische Milizen eingesetzt, die der türkischen Regierung nahestehen und von ihr unterstützt werden. Diese sollen nun mit Gewalt, und entgegen jeglicher Abkommen, den Wille der Regierung durchsetzen.

„Menschen, die von Krieg und Verfolgung betroffen sind, erleben ein unvorstellbares Ausmaß an psychischen Belastungen”, erklärt Kirstin Reichert, Geschäftsführung des Zentrum ÜBERLEBEN. „Für die syrische Bevölkerung ist das umso tragischer, weil sie sich mittlerweile seit über einem Jahrzehnt in einem Zustand der politischen Unruhe und gewaltsamen Konflikte befindet. Es gibt Generationen, die sich kaum an das Land ohne Krieg erinnern dürften. Bei uns im Zentrum gehören Syrer:innen nicht grundlos zu unserer größten Klient:innengruppe. Nur mit einer intensiven und ganzheitlichen psychotherapeutischen Versorgung können die dadurch hervortretenden komplexen Traumata behandelt werden.”

Syrien ist historisch gewachsen ein Staat mit einer hohen ethnischen Diversität. Die aktuelle syrische Regierung hat gezeigt, dass es sich um leere Worte handelte, als sie versprach, diese Vielfalt zu schützen und eine Regierung für alle Menschen in Syrien zu etablieren. Im Gegenteil: seit der Machtübernahme von al-Sharaa haben mehrere ethnisch-motivierte Massaker und gewalttätige Angriffe stattgefunden. Davon betroffen sind alawitische, drusische und, nun in den jüngsten Ereignissen, überwiegend kurdische Bevölkerungsgruppen. Zugleich ist ein Wiedererstarken des Islamischen Staates (IS) zu beobachten, dessen Kämpfer unsagbares Leid, Massaker, Flucht und Vertreibung über weite Bevölkerungsteile Syriens gebracht haben. 

Wir als Behandlungszentrum für traumatisierte Geflüchtete und Folterüberlebende verurteilen sämtliche Verhandlungen der Bundesregierung oder anderer Staaten der internationalen Gemeinschaft, die darauf abzielen die islamistische Übergangsregierung zu festigen und anzuerkennen. Diese hat mehrmals bewiesen, dass sie bereit ist, Menschenrechte mit Füßen zu treten. Mit Menschenrechtsverbrechern kann und soll es keine diplomatischen Verhandlungen oder gar Zugeständnisse geben!

Abschiebungen nach Syrien müssen mit sofortiger Wirkung wieder eingestellt werden. Es ist inakzeptabel, Menschen den Schutzstatus und das Bleiberecht zu entziehen, wenn sie im Herkunftsland solche Bedrohungen und Lebensumstände erwarten. Stattdessen möchten wir uns solidarisch zeigen gegenüber allen Menschen aus Syrien – insbesondere jenen, die dort Familienangehörige und Freund:innen haben, um die sie bangen.

„Ich wünsche mir ein säkulares und demokratisches Syrien, in dem alle Völker in Frieden und Freiheit leben können”, so Agit Kadino, Projektmitarbeiter und Lehrkraft im Zentrum ÜBERLEBEN, der selbst aus Nordsyrien stammt. „Demokratie und Menschenrechte werden nicht durch Großmächte von außerhalb gebracht, sondern sie müssen –wie während des Kampfes gegen den IS – verteidigt und ausgebaut werden. Ich sehe die Errungenschaften der Selbstverwaltung Nord-und Ostsyriens als demokratische Alternative zu Krieg und Vertreibung und halte sie für ein sinnvolles Gesellschaftsmodell.“

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