Wie beeinflusst Rassismus die Pflegeausbildung?
01.10.2026
Agit Kadino, Pädagogischer Mitarbeiter, steht in einem Unterrichtsraum vor etwa 16 Personen. Er liest die Aussage„Die Kultur eines Menschen bestimmt sein Verhalten“ vor. Dann fragt er in die Runde: „Könnte man diesen Satz als rassistisch auffassen oder empfinden?“ Die Teilnehmenden überlegen, dann schnellen Karten in die Höhe, die diese Frage entweder mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Agit Kadino schaut sich die verschiedenen Antworten an. „Na dann“, sagt er, „lasst uns darüber diskutieren.“
Rassismus in der Pflegeausbildung erkennen und überwinden – dieses Ziel verfolgt das Modellprojekt „Transkulturelle Öffnung in der Pflege“. Das Projekt wird in Kooperation mit einer Berliner Pflegeschule durchgeführt und setzt dort an, wo die Grundlage für die spätere Pflegepraxis gelegt wird: in der Ausbildung. Im Mittelpunkt stehen die Erfahrungen und Bedarfe verschiedener Akteur:innen der Pflegeausbildung sowie die Frage, wie rassismuskritische und transkulturelle Perspektiven stärker in Ausbildung und Praxis verankert werden können. Antirassismus-Workshops wie die von Agit Kadino sind ein Teil dieses Reflexions- und Sensibilisierungsprozesses.
„Das Hauptziel der Workshops ist, die Teilnehmenden dazu zu bewegen, ihre eigenen Denkmuster zu hinterfragen. Es ist auf keinen Fall meine Absicht, anzuprangern oder mit dem Finger auf Menschen zu zeigen, sondern durch Diskussionen Aha-Momente auszulösen“, erklärt er.
Insgesamt finden im Rahmen des Projekts an einer Pflegeschule mehrere Workshops für unterschiedliche Gruppen im Ausbildungskontext statt. Bei den Teilnehmenden handelt es sich um Lehrkräfte, Sozialarbeiter:innen, Verwaltungsmitarbeitende, Praxisanleitende und Auszubildende. Die Workshops sind unterschiedlich gestaltet und finden je nach Zielgruppe und Format über mehrere Stunden oder einen ganzen Tag statt.
Zuerst werden darin die unterschiedlichen Ebenen dargelegt, auf denen Rassismus stattfinden kann: die individuelle, institutionelle und strukturelle Ebene. Oft wird nämlich der Fehler gemacht, davon auszugehen, Rassismus finde nur auf individueller Ebene statt – im täglichen Umgang miteinander zwischen zwei oder mehreren Menschen. Der Einfluss der institutionellen und strukturellen Ebenen wird dabei stark unterschätzt.
Aber worum genau handelt es sich bei diesen beiden Ebenen? Für Agit Kadino begann die Vorbereitung auf seine Workshops, indem er Lehrpläne und -bücher für die Pflegeausbildung auf implizit oder explizit transportierte Rassismen untersuchte. Seine Erkenntnis: Im Regelfall ist das Lehrmaterial ausschließlich darauf angelegt, weiße Menschen zu repräsentieren. Wichtiges medizinisches Wissen, beispielsweise, wie Hautkrankheiten bei Schwarzen Menschen aussehen, ist darin nicht enthalten. Solche Leerstellen können dazu beitragen, dass bestehende institutionelle und strukturelle Ungleichheiten reproduziert und aufrechterhalten werden.
Hier sollen die Workshops nicht nur Verbesserungspotenziale aufzeigen, sondern auch das Verständnis dafür schaffen, dass Lehrkräfte und andere, die am Ausbildungsprozess beteiligt sind, Handlungsmöglichkeiten haben, um rassismuskritische Veränderungen in der Pflegeausbildung anzustoßen.
„Was sehr oft passiert, wenn man über Rassismus spricht, ist, dass Menschen eine Abwehrhaltung einnehmen und vor allem über rassistische Verhaltensweisen sprechen, die sie bei anderen beobachtet haben. Hier ist es wichtig, den Schritt zu gehen, auch auf sich selbst zu schauen. Dabei geht es nicht nur um individuelle Vorurteile, sondern auch um die eigene Positionierung und die damit verbundenen Privilegien. Die Auseinandersetzung damit ist ein längerer Prozess und erfordert die Bereitschaft, eigene Denk- und Handlungsmuster immer wieder zu hinterfragen. Umso wichtiger sind solche Workshops, um diese Denkprozesse anzustoßen oder zu vertiefen. Irritation kann dabei dazu beitragen, bisherige Sichtweisen zu hinterfragen und Selbstreflexion anzustoßen. Genau solche Reflexionsprozesse möchten wir mit den Workshops ermöglichen“
Neben den Workshops werden im gemeinsamen Projekt der Wissenschaftlichen Abteilung und der Berufsfachschule Paulo Freire Befragungen und Fokusgruppen durchgeführt. Ziel ist es, exemplarisch zu untersuchen, wie Rassismus und Transkulturalität in der Pflegeausbildung thematisiert und erfahren werden und an welchen Stellen Veränderungsbedarf besteht.