Folterüberlebende unterstützen:
Dem Schrecken auf der Spur
November 2026
Allein der Gedanke an Folter entfacht einen so großen Schrecken, dass sich viele Menschen ungern damit befassen. Für Betroffene, die Folter erlebt haben, ist es aber unglaublich wichtig, Orte zu schaffen, an die sie sich vertrauensvoll wenden können, um über das Erlebte zu sprechen und das dadurch ausgelöste Trauma aufzuarbeiten. Aus diesem Grund bieten wir im Zentrum ÜBERLEBEN (ZÜ) traumafokussierte Therapie für geflüchtete Menschen an, die schwere Gewalt und Verfolgung überlebt haben. Darüber hinaus führen wir im Rahmen unseres Therapieangebots Folterspurendokumentationen durch, wenn dies von Klient:innen erwünscht ist. Um unsere spezialisierte Expertise dazu zu teilen, haben zwei Kolleginnen eine Fortbildung zur Folterspurendokumentation gehalten.
Mit diesem Einstieg haben zwei unserer ZÜ-Mitarbeitenden eine interne Fortbildung eröffnet, die darüber informiert, wie man Spuren von Folter angemessen dokumentieren kann. Solche Dokumentationsprozesse können sich begünstigend auf ein Asylverfahren auswirken, wenn sie die Leidensgeschichten der Klient:innen fachlich belegen. Dabei ist es in vielen Fällen gar nicht so leicht, manchmal sogar unmöglich, am Körper nachzuweisen, ob Folter stattgefunden hat.
Es gibt nämlich zwei Formen von Folter, unter die man unterscheiden muss:
- primär körperliche Folter
- primär psychische Folter, auch bekannt als „weiße Folter“
Bei psychischer Folter handelt es sich um grausame Methoden wie Todesdrohungen, Scheinhinrichtungen und sexuelle Erniedrigungen. Obwohl das alles furchtbare Verbrechen gegen die Menschlichkeit sind, lassen sie sich im Nachhinein viel schwerer nachweisen als körperliche Foltermethoden, die handfeste Spuren am Körper hinterlassen wie z.B. Narben.
Die Expertise des Zentrum ÜBERLEBEN, Folterspuren fachlich festzustellen, reicht weit zurück. Jede Folterspurendokumentation orientiert sich am Istanbul-Protokoll, einem Handbuch, welches von den Vereinten Nationen als Standard für die Schulung von Fachpersonal anerkannt wird. An der Erstellung dieses Standardwerks haben wir als Behandlungszentrum mitgewirkt. Da es sich bei der Folterspurendokumentation um einen standardisierten Prozess handelt, der sowohl medizinisch als auch psychologisch sehr anspruchsvoll ist, gibt es nur wenige Orte mit entsprechend ausgebildetem Personal.
Im Zentrum ÜBERLEBEN wird eine Folterspurendokumentation nur nach ausdrücklichem Wunsch des:der Klient:in durchgeführt, da es sich um eine Untersuchung handelt, die als sehr intensiv empfunden werden kann. Es gibt immer ein Risiko, das Erlebte zu reaktualisieren oder ein Trauma „wiederzubeleben”, wenn man sich gemeinsam mit den Klient:innen so ausführlich damit auseinandersetzt. Deswegen stellen unsere Behandler:innen ein Setting her, in dem sich die Klient:innen so sicher und einbezogen wie möglich fühlen. Alle Beteiligten lernen sich vorher ausführlich kennen, es wird eine vertrauensvolle Atmosphäre geschaffen und jeder Untersuchungsschritt wird vor der Ausführung erklärt, angekündigt und mögliche Fragen beantwortet. Solche und viele weitere Kriterien schaffen die Voraussetzungen für das Sicherheitsgefühl des:der Klient:in – gleichzeitig sind die Behandler:innen gefordert, ihre professionelle Distanz zu wahren, um unvoreingenommen und objektiv eine fachliche Einschätzung treffen zu können
Während der Dokumentation werden die sichtbaren Spuren der Folter festgehalten. Es wird außerdem zu jedem dokumentierten Merkmal eine erklärende Notiz ergänzt, die Fragen darüber beantwortet, wie es zustande gekommen ist. In den nächsten Schritten werden die Spuren im Detail erfasst und gegebenenfalls auch fotografisch festgehalten. Die Untersuchungen können sich positiv auf das aufenthaltsrechtliche Verfahren einer Person auswirken, wenn sie mit der Traumageschichte übereinstimmen. Je deutlicher der Zusammenhang, umso hilfreicher für das Verfahren. Gleichzeitig ist es unsererseits wichtig, hier keine falschen Hoffnungen zu wecken, da wir kein direktes Mitspracherecht in juristischen Asylverfahren haben und für uns im Fokus steht, das Verfahren neutral und professionell auszuführen. Die Bescheinigung über Folterspuren ist also nur dann das Ergebnis, wenn sie anhand eindeutig bestimmbarer und objektiv nachvollziehbarer Kriterien belegt werden kann.
Durch Fortbildungen möchten wir unsere Expertise weitergeben und unsere Netzwerkpartner:innen über die Folterspurendokumentation informieren, um für die Zukunft solche Angebote für Betroffene von Folter zu erweitern. Denn niemand, der Folter erlebt hat, sollte damit alleingelassen werden. Das Zentrum ÜBERLEBEN hat es sich seit seiner Gründung zum Auftrag gemacht, den Überlebenden mit allen möglichen Mitteln zur Seite zu stehen. Angebote wie unsere Fortbildung sollen dazu beitragen, dass der Zugang zu Folterspurendokumentation eines Tages keine Seltenheit mehr ist.
Das Projekt „Komplexe Psychosoziale Versorgung Geflüchteter in Berlin“, das u.a. Folterspurendokumentation ermöglicht, wird kofinanziert von der Europäischen Union und gefördert von der Beauftragten des Senats für Partizipation, Integration und Migration aus Mitteln der Senatsverwaltung für Arbeit, Soziales, Gleichstellung, Integration, Vielfalt und Antidiskriminierung.