Jahresbericht 2024/2025
Mit dem Pinsel in der Hand den Gefühlen freien Lauf lassen
Kunsttherapie in der Tagesklinik
Mai 2026
Der deutsche Künstler Joseph Beuys hat mal gesagt „Jeder Mensch ist ein Künstler“. Dieser Leitsatz ist auch das Motto in der Kunsttherapie unserer Tagesklinik im Zentrum ÜBERLEBEN*: Einmal die Woche können unsere Patient:innen sich dort ausprobieren und ihre Kreativität ausleben. Kunsttherapeutin Kathrin Rieke-Goetz leitet die Gruppe und beobachtet jedes Mal voller Begeisterung, wie Menschen durch Kunst wieder einen Weg zur Selbstwirksamkeit finden können.
Gläser voller Pinsel, Armbänder aus Perlen, Korbflechten, Tongegenstände, geschreinerte Holzhäuschen und Bilder, sehr viele Bilder. Der Duft von Tempera- und Acrylfarben liegt in der Luft. Auf dem Tisch sind Überbleibsel vom vorigen Schaffen verstreut – Papierschnipsel, kleine Holzspäne und Fäden. Diese und noch viele weitere Eindrücke erwarten einen beim Betreten des Kunsttherapieraums unserer Tagesklinik. Es handelt sich hierbei um einen Rückzugsort, einen Schutzraum für unsere Patient:innen und ihre Werke.
„Wichtig für mich ist, dass die Patient:innen sich hier sicher und wohlfühlen“, erklärt Kathrin Rieke-Goetz. „Dass es ein Ort der Ruhe und Sicherheit ist, an dem sich die Menschen regenerieren können. In den Gruppenund Einzeltherapiesitzungen sind die Patient:innen viel in Gesprächen. Bei den Kunsttherapie-Sitzungen geht es darum, ins Tun zu kommen, frei zu gestalten oder zu experimentieren. Zu den eigenen Ressourcen zurückzufinden oder neue zu entdecken, indem man sich auf das gestalterische Arbeiten einlässt. Es gibt kein ‚falsch‘, alles, was entsteht, hat seine Berechtigung und ist Ausdruck des jeweiligen Moments oder Gefühls.“
Formale Vorgaben gibt es meist keine und den Patient:innen wird freigestellt, nach eigenen Interessen das Kunstmaterial zu wählen. So entstehen die verschiedensten Werke. Oft bietet es sich an, mit der Arbeit am Ton zu beginnen. Ton erdet und lässt einen ankommen, man kommt dabei ins Spüren. Auch bei schweren Belastungen kann das Kneten sehr guttun, um Gefühle raus- und loszulassen. Zu diesem Zweck bietet Kathrin Rieke-Goetz den Patient:innen auch gerne mal das kräftige Tonschlagen an. Das oft feste Tonmaterial sollte ohnehin vor dem Bearbeiten erstmal weich und formbar gemacht werden.
„Das ist gleichzeitig auch ein gutes Mittel, um Druck abzubauen, sich zu entlasten. So wird der Ton geschmeidig – und die Menschen im besten Falle auch.“

Das Besondere an der Kunsttherapie ist die sogenannte therapeutische Triade zwischen Patient:in, Therapeut:in und dem gestalteten Werk – dem „Dritten“. Das Werk ist mehr als Ausdruck, es ermöglicht die Externalisierung innerer Prozesse, die vielleicht gar nicht verbalisiert werden können. Durch kreatives Gestalten werden Gefühle und traumatische Erfahrungen sichtbar gemacht, aus dem Inneren herausgelöst und in eine (be-)greifbare Form gebracht. Dieser Prozess schafft Distanz zum Erlebten, ermöglicht neue Perspektiven und fördert Heilung. Durch die Gespräche über Bilder, Figuren oder Objekte entsteht ein behutsamer Zugang zu dem, was die Patient:innen bewegt. So wird das Kunstwerk zum Schlüssel für Kommunikation, emotionale Entlastung und ermöglicht neue Perspektiven auf das Erlebte.
„Man denkt, da steht so ein Körbchen, aber dieses Körbchen wird zum Symbol für den gesamten therapeutischen Prozess, den die Menschen hier durchlaufen“, so Kathrin Rieke-Goetz über einen Patienten, der aufgrund von Folter schwere Verletzungen am ganzen Körper und an der Hand hatte.
Hier war es im Laufe der Therapie durch das Korbflechten gelungen, dass er die Hand nicht mehr versteckte und wieder für sich in Besitz nahm.
„Ganz typisch bei Trauma und Depression sind auch ausgeprägte negative Denkmuster, Betroffene entwickeln ein starkes Schwarz-Weiß-Denken. Wenn ich die Patient:innen dann frage, wie ihre Gefühle aussehen, welche Farbe die Gefühle haben, antworten sie mir oft: Schwarz. Dann biete ich ihnen das an: Schwarzmalen mit Pinsel und Farbe, ein oder mehrere Blätter. Das macht was mit ihnen – und irgendwann kommt in dieses Schwarz ein Lichtpunkt, eine Farbe hinein. Das ist schon der erste Schritt. Das bedeutet zwar nicht, dass die Depression geheilt ist, aber es trägt dazu bei, dass sie wieder wahrnehmen und spüren, es gibt noch etwas anderes als Schwarz.“
Jede:r Patient:in hat eine Mappe, in der die Bilder sicher verwahrt werden. Es sei denn, es besteht der Wunsch, sie mit anderen zu teilen oder nach außen zu zeigen. Eine ehemalige Patientin hat zum Beispiel eine Serie an Bildern gemalt, in denen sie mit verschiedenen Blautönen und blauen Motiven experimentiert hat. Ihr Ziel war es, ihren ganz eigenen Blauton zu finden. Ihre Bilder hängen mittlerweile im Flur der Tagesklinik, sie hat der Präsentation ihrer Werke zugestimmt und blickt nun stolz auf sie zurück. Die Bilder markieren für sie den Abschluss ihrer Behandlung und den Weg, den sie mit uns gegangen ist – und nun gestärkter wieder für sich gehen kann.
* Die Tagesklinik im Zentrum ÜBERLEBEN wird in Kooperation mit der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité Berlin-Campus Mitte (CCM) betrieben.