Professionelle Sprach- und Kulturmittlung

Mehr als reine sprachliche Übertragung 

25.02.2026

Die Sprach- und Kulturmittlung (SKM) ist ein zentraler Bestandteil unserer psychotherapeutischen und sozialarbeiterischen Angebote. Ohne sie wäre in vielen Fällen keine direkte Kommunikation zwischen Behandler:innen und Klient:innen möglich und die psychosoziale Versorgung deutlich erschwert. Die Tätigkeit der Sprach- und Kulturmittelnden umfasst weit mehr als allein die sprachliche Übertragung. Wir haben ein Gespräch mit Denis Shatov geführt, unserer neuen Leitung für den Arbeitsbereich SKM im Zentrum ÜBERLEBEN, der auf eine langjährige Berufserfahrung in diesem Feld zurückblickt und dazu Fortbildungen durchführt.

Lieber Denis Shatov, du hast über 20 Jahre Berufserfahrung als Dolmetscher im psychosozialen Kontext. Was genau gefällt dir so an dem Beruf? 

Denis Shatov: „In meiner langjährigen Tätigkeit im Bereich Dolmetschen und Sprachmittlung habe ich erlebt, wie sehr diese Arbeit mich auch persönlich geprägt hat. Indem Kommunikation ermöglicht wird und häufig sehr komplexe und emotionale Themen zur Sprache kommen, lernt man viel über andere Menschen – und über sich selbst. Dadurch habe ich angefangen, viele meiner eigenen Denk- und Verhaltensmuster infrage zu stellen, um in meiner beruflichen Tätigkeit zu wachsen. Dass ich diese Arbeit in einem Kontext ausführe, in dem Menschen unterstützt werden, ihre Traumata aufzuarbeiten, empfinde ich als eine sehr sinnstiftende und verantwortungsvolle Aufgabe.“

Was für Reflexionen oder Veränderungen genau hat die Tätigkeit bei dir angestoßen?  

Denis Shatov: „Viele Sprach- und Kulturmittelnde tragen zu Beginn ihrer Tätigkeit die Motivation in sich: Ich will anderen Menschen helfen. Dabei wird dieses „helfen“ meist im klassischen Sinne verstanden, wie wenn man jemanden an die Hand nimmt und leitet. Darum geht es aber nicht – weder in der Therapie noch bei der Sprach- und Kulturmittlung. Das müssen viele am Anfang erstmal lernen und sich gewissermaßen selbst ausbremsen. Eine zentrale Aufgabe von uns besteht darin, Kommunikation zu ermöglichen. Sprach- und Kulturmittelnde treten dafür inhaltlich weitgehend in den Hintergrund und wirken primär durch das Dolmetschen. So können die Therapeut:innen ihre Arbeit bestmöglich ausführen. Eigene Meinungen oder das Eingreifen in Gesprächssituationen sind nicht angemessen und es kann sich negativ auf den Therapieverlauf auswirken, wenn eine persönliche Nähe entsteht, die über die professionelle Rolle hinausgeht.“   

Warum genau ist diese Neutralität gegenüber dem:der Klient:in so wichtig? Welche negative Konsequenz könnte es nach sich ziehen, wenn man sich nicht daran hält? 

Denis Shatov: „In Fortbildungen und im fachlichen Austausch wird dieses Thema häufig reflektiert. Natürlich gibt es ein zwischenmenschliches Interesse, den:die Klient:in kennenzulernen. Oder umgekehrt haben Klient:innen die Hoffnung, mehr mit Sprach- und Kulturmittelnden persönlich in Kontakt zu treten. Schließlich sind sie in einem neuen Land und ständig damit konfrontiert, sich fremd zu fühlen und die Sprache nicht zu verstehen. Wenn sie das Behandlungszimmer betreten und sehen, da ist jemand aus meinem Herkunftsland und spricht fließend meine Muttersprache, ist es sehr verständlich, dass sie im ersten Moment möglicherweise ein stärkeres Interesse an der sprachlichen Bezugsperson als an der behandelnden Person haben. An dieser Stelle ist es aber unsere Verantwortung, klare Grenzen zu setzen, denn eine solche persönliche Nähe wäre unprofessionell und kann den Therapieverlauf unnötig verkomplizieren.“  

Wie sorgt ihr dafür, dass diese Rollen und Zuständigkeiten klar geregelt und für alle Beteiligten verständlich sind? 

Denis Shatov: „Zu Beginn einer Therapie werden in der Regel Ablauf und Zuständigkeiten erläutert. Das ist sehr wichtig, um ganz am Anfang für Klarheit zu sorgen. Gleichzeitig zeigt die Erfahrung, dass sich viele Dinge erst einspielen müssen. So sind einige Klient:innen häufig trotzdem verwirrt, weil in der Ich-Form gedolmetscht wird. Gerade im Russischen, wo es beim Konjugieren eine Unterscheidung zwischen männlicher und weiblicher Form gibt, wurde ich schon mal sehr irritiert angeschaut und gefragt, warum ich denn plötzlich von mir rede, als wäre ich eine Frau. Auch in solchen Situationen ist es aber wichtig, nicht vorschnell einzugreifen, damit Therapeut:in und Klient:in mithilfe der fortlaufenden Verdolmetschung das Missverständnis eigenständig klären können.“ 

Gibt es weitere Vorbereitungsmöglichkeiten, die du mit anderen SKM in deinen Fortbildungen behandelst? 

Denis Shatov: „Auch wenn Sprach- und Kulturmittelnde nicht für die therapeutische Arbeit verantwortlich sind, ist es wichtig, über grundlegendes Wissen zu Verlauf und Funktionsweise von Psychotherapie zu verfügen. Sonst kann es schnell passieren, dass therapeutische Prozesse nicht ausreichend eingeordnet und professionelle Grenzen unbeabsichtigt überschritten werden. Um so etwas zu verhindern, hilft es auch, wenn im Rahmen von Vorgesprächen relevante Informationen zur Symptomatik transparent gemacht werden. Besteht beispielsweise ein Risiko für Dissoziationen? Was bedeutet dissoziatives Verhalten konkret und wie sollte im Setting darauf reagiert werden? Solche und viele weitere Fragen können dabei geklärt werden, um Überforderung oder Missverständnisse im Behandlungsraum möglichst zu vermeiden.“ 

Was genau sind deine Pläne als neue SKM-Leitung für das Zentrum ÜBERLEBEN? 

Denis Shatov: „Da ich mich aktuell noch in der Einarbeitungsphase befinde, ist es mir zunächst wichtig, durch Gespräche und Beobachtungen ein differenziertes Bild der bestehenden Strukturen zu gewinnen. Im Mittelpunkt steht für mich die Frage, welche Bedarfe die hier tätigen Sprach- und Kulturmittelnden haben. Was ist bereits gut etabliert und wo könnten perspektivisch Weiterentwicklungen sinnvoll sein? Ebenso ist es wichtig, den sprachlichen Bedarf kontinuierlich im Blick zu behalten. Ich freue mich darauf, für solche und noch viele weitere Themen als verlässliche Ansprechperson für diesen Bereich zur Verfügung zu stehen und die Arbeit der Sprach- und Kulturmittelnden im Zentrum ÜBERLEBEN weiter zu stärken.“

* Der Schutz unserer Patient:innen ist uns wichtig. Deswegen arbeiten wir mit Anonymisierungen bei Persönlichkeitsdaten und Fotos.
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