Flucht-Erleben: Ausstellung der Berufsfachschule Paulo Freire

Die Goldfolie an den Wänden lenkt die Aufmerksamkeit auf die Ausstellung. Darauf sind Fotos, Texte und eine Weltkarte unter dem Titel: Geflüchtete an unserer Schule. Die neuen Schüler*innen, die Anfang August gestartet sind, erfahren auf den ersten Blick etwas über die Lebensgeschichten derjenigen, die hier lernen.

Der gold glitzernde Schimmer stammt von Folien für die Erste Hilfe, wie sie auf Rettungsschiffen im Mittelmeer oder in irgendwelchen Flüchtlingslagern dieser Welt genutzt werden. Fluchterfahrungen hat fast die Hälfte der Schülerschaft. Das wollte Angelika Müller aufgreifen. Die Gesundheitswissenschaftlerin (MA Public Health) hat bereits vor vielen Jahren in den Pflegebasiskursen unterrichtet und ist seit Gründung der Schule dabei, die zusätzlich einen zweijährigen Ausbildungsgang zu Sozialassistenz anbietet mit der Möglichkeit, den Mittleren Schulabschluss (MSA) dabei nachzuholen: „Es sollte etwas zur Sprache kommen, das bisher wortlos bleibt, aber greifbar im Raum steht.

Zunächst traute sich niemand, über schmerzhafte Erlebnisse auf der Flucht oder über die Ursachen zu sprechen. Doch mit der Ausstellung haben wir etwas angestoßen. Jetzt haben wir ein Sammelsurium an Geschichten, Statements, Liedern. Manche zeigen ihr Gesicht, manche nicht, doch das Verbindende hat einen Namen bekommen.“ Die Medienkünstlerin Antonia Schwarz erarbeitete mit den Schüler*innen und deren „Lebens-Material“ die Ausstellung. Texte wurden geschrieben, Flucht-Erleben offenbart und in zwei Fällen sogar Aufnahmen gemacht. Auf dem Monitor der Ausstellung – und live bei der Eröffnung – spielt Kadim aus der Abschlussklasse auf der Dambura. Gleichzeitig singt er auf Dari eine traditionelle Melodie und beschreibt den beschwerlichen Weg seiner Familie aus Afghanistan nach Deutschland. Er hat nun den Berufsabschluss als Sozialassistent in der Tasche, strahlt und erhofft sich berechtigterweise Chancen auf dem deutschen Arbeitsmarkt.

Die Erzählung von Kassem, ein junger Palästinenser aus dem Libanon, ist auf dem Laptop abrufbar. Er berichtet von der Aussichtlosigkeit, sich als Palästinenser im Libanon etwas aufzubauen, von Rechtlosigkeit und zunehmender Gewalt. Seine Flucht mit dreißig anderen auch aus seiner Familie führt ihn über die Türkei nach Spanien. Zwischendurch obdachlos und in Haft, kommt er schließlich nach Deutschland – und zur Berufsfachschule Paulo Freire.

Auffällig ist auch einer der Texte, die aus der Reflexion entstanden. Khadije drückt Wut und Verzweiflung aus gegen „Krieg, Hass und Rassismus“. Sie kritisiert Diskriminierung, die sie selbst als Berlinerin mit Kopftuch erlebt, sie verurteilt Rassismus gegenüber allen, die nicht konform gehen oder nicht der Mehrheitsgesellschaft angehören. Die junge Frau mit Migrationshintergrund fordert echte Willkommenskultur und Gerechtigkeit. Sie klagt an, dass weder die Politik hierzulande noch weltweit den Hunger bekämpft, mit dem Kinder in Armut alleingelassen werden.

Für eine über dreißigjährige Roma ist die Ausstellung ein Forum für ihre Geschichte, die schon in der Zeitung stand. Damals wurde die junge Mutter eines kleinen Mädchens vom Senat als Härtefall eingestuft. Ihr Text erzählt, wie sie als junge Frau Gewalt und Rassismus durch die Familie ihres Mannes erlitten hat und wegen der Heirat von der eigenen Familie verstoßen wurde. In Deutschland erlebt sie die Kälte bürokratischer Strukturen, auch in der brisanten Situation kurz nach der komplizierten Geburt ihrer Tochter. Dann nutzt der Ehemann sie aus und wird gewalttätig. Sie findet in Deutschland wenig unterstützende Strukturen. Dann Rückkehr und erneute Flucht, Versöhnung mit den Eltern, Trennung vom Mann. Die jung wirkende alleinerziehende Frau hat Autonomie gewonnen – auch durch den Besuch der Berufsfachschule. Aktuell ist sie in der Prüfungsklasse.

Bei ihrem Kurzbesuch in der Schule blieb auch Familienministerin Franziska Giffey fasziniert vor diesen Wänden in gold stehen. Sie erkannte das Foto einer Ersteinrichtung, die sie als damalige Bürgermeisterin Neuköllns provisorisch aus dem Nichts gestampft hatte. Auch sie war angetan von den Schüler*innen, die in ihre Zukunft blicken und Selbstbewusstsein und gefragte Kompetenzen gewonnen haben. Sie sind durch ganz viel durch, denn Flucht heißt für die meisten schwierige und enge Wohnverhältnisse, ungesicherter Status, stockende Fortschritte oder enttäuschende Rückschritte im Asylverfahren, drohende Abschiebung.

Angelika Müllers Worte treffen genau diese Belastungen ihrer Schülerschaft: „Wie ich es hasse, wenn sie unregelmäßig oder nicht kommen, weil sie zur Ausländerbehörde müssen, zum Anwalt, zum Jobcenter oder zum Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten (LAF). Ich weiß ja, dass sie um ihre Leben und das ihrer Familien kämpfen, dass sie rassistischen Anfeindungen ausgesetzt sind und großem Stress in dieser Situation.“ Die Kursleiterin zeigt sich solidarisch und sieht „unsere tolle Schule“ als Forum, um die Isolation der Einzelnen aufzubrechen und sich auszutauschen, wie man sich für die eigenen Belange engagieren kann.