Jahresbericht 2025/2026
Die Scham überwinden
September 2026
Wer kennt es nicht? In belastenden Situationen wird man oft so stark von den eigenen Gedanken und Gefühlen eingenommen, dass man nicht mehr weiß, wohin mit ihnen. In solchen Momenten kann es hilfreich sein, zu Stift und Papier zu greifen. Indem man die eigenen Sorgen ausformuliert, ist ein wichtiger erster Schritt getan, um sich damit auseinanderzusetzen. Das war einer der Grundgedanken, warum unsere Abteilung pflegen-und-leben.de die schriftliche psychologische Beratung für pflegende Angehörige eingeführt hat. Mittlerweile wird von Klient:innen aber auch immer mehr die Möglichkeit der Video-Beratung wahrgenommen. Beide Optionen haben vielversprechende Potenziale.
Menschen mit pflegebedürftigen Angehörigen sind für gewöhnlich zeitlich sehr eingespannt. So sehr sie aufgrund der anhaltenden Herausforderungen bei sich zuhause eine Entlastung benötigen, ist es in den meisten Fällen schwierig, eine herkömmliche therapeutische Begleitung wahrzunehmen. Regelmäßige Termine, zu einer bestimmten Uhrzeit verfügbar sein, sich in eine Praxis begeben, die sich unter Umständen in einiger Entfernung vom eigenen Heim befindet – für pflegende Angehörige stellen diese Rahmenbedingungen schon große Barrieren dar. Die psychologische Beratung von pflegen-und-leben.de löst dieses Problem durch das asynchrone Schreibformat. Doch was genau ist dieses Schreibformat?
Zum ersten Mal systematisch untersucht wurde das Medium des Schreibens als Weg zur Selbsthilfe von James Pennebaker, der anhand von Tagebuchstudien feststellte, dass Personen, die mehrere Tage in Folge 15 Minuten lang über ein belastendes Ereignis schrieben, eine deutliche Verbesserung ihrer emotionalen Belastung erlebten. Das Schreiben kann also nachweislich dazu führen, dass Anzeichen von Stress vermindert, das psychische Wohlbefinden verbessert und somit das Arbeitsgedächtnis entlastet werden.
„Manchmal brauchen wir Zeit, um unsere Gedanken zu sortieren. Oder wir haben Angst, vor einer fremden Person zu weinen und dann vielleicht gar nicht mehr aufzuhören“, erläutert Dr. Jana Toppe, systemische Therapeutin und Abteilungsleitung von pflegen-und-leben.de. „Vielleicht wollen wir uns auch zu einem Thema austauschen, das sehr schambesetzt ist – zum Beispiel Ekel bei der täglichen Pflege. Während es manchen Menschen sehr guttut, wenn ihnen jemand zuhört und sie validiert, fühlen sich andere davon eher über fordert. Hier bietet sich die Schreibberatung an, denn sie ermöglicht nicht nur eine Bearbeitung außerhalb von Öffnungszeiten und Terminen, sondern eröffnet auch die Möglichkeit, einen Text nochmal liegen zu lassen, zu überlegen, sich Zeit zu nehmen.”
Die Klient:innen richten sich ein Postfach ein und können in ihrer ersten schriftlichen Anfrage direkt ihre persönlichen Anliegen einbringen. Sie haben auch die Option, ihre Anfrage anonym zu verschicken, wenn sie es bevorzugen, die eigene Identität nicht mitzuteilen. In den letzten Jahren ist gleichzeitig das Interesse daran gestiegen, die Video-Beratung von pflegen-und-leben.de in Anspruch zu nehmen. Neben dem schriftlichen Kontakt können die Klient:innen hier per Videokonferenz-Tool direkt ins Gespräch mit den psychologischen Beraterinnen gehen. Es bleibt weiterhin wohnortunabhängig, ist flexibel und mobil nutzbar – nur eben per Online-Gespräch.
„Einen festen Zeitraum zu haben, in dem man mit seinen Sorgen gehört wird, ist für viele Ratsuchende ein wichtiger Moment. Im Pflegealltag fällt es häufig schwer, sich einen Moment für sich zu nehmen. Der Termin zur Videoberatung kann ein erster wichtiger Schritt zur Selbstfürsorge sein. Im Gespräch erleben Angehörige manchmal zum ersten Mal wie es ist, mit einer Person zu sprechen, die auf ihrer Seite ist und deren Sorgen ernst nimmt. Klient:innen melden oft zurück, dass es ihnen guttut, diesen Raum für sich zu haben und alles einmal auszusprechen, ohne bewertet zu werden. Es entsteht auch die Möglichkeit, Neues zu entwickeln und bislang für unmöglich gehaltene Ideen in Betracht zu ziehen. Das können zum Beispiel Selbstmitgefühlspausen sein, das Delegieren von Aufgaben, das Aufsuchen von externer Hilfe in der Pflege oder auch ein erster Schritt in Richtung Akzeptanz einer Situation, die sich nicht mehr verändern lässt – wie etwa schwere Erkrankungen oder festgefahrene Familienkonstellationen,“ – so Dr. Jana Toppe.