Jahresbericht 2022/2023

Einen Raum schaffen der beim Ankommen hilft

18.1.2023

Wenn ich schwere Gewalt überlebt habe, fliehen muss­te und gesundheitliche Folgeprobleme davontrage – stehen mir besondere Rechte zu meinem eigenen Schutz zu? Wo kann ich therapeutische und medizi­nische Unterstützung er­halten? An wen kann ich mich wenden, um mich über meine Rechte und die ver­fügbaren Hilfsmöglichkeiten zu informieren? Unsere Fachstelle für traumatisierte Geflüchtete und Überlebende schwerer Gewalt unterstützt geflüchtete Menschen bei solchen und vielen weiteren Anliegen. Die Fachstelle ist außerdem Teil des Berliner Netzwerk für besonders schutzbedürftige geflüchtete Menschen (kurz BNS), zu dem sich sieben Beratungsstellen mit verschiedenen Schwerpunkten zusammengeschlossen haben. Im Gruppeninterview mit der Fachstelle gibt das Team uns einen tieferen Einblick in ihre Arbeit und was sie täglich bewegt.

Erstmal zu Beginn eine ganz grundlegende Frage: Welche geflüchteten Menschen gelten als besonders schutzbedürftig? Marie Oesterlee (Sozialarbeiterin):

Die EU-Aufnahmerichtlinie 2013/33/EU definiert in Artikel 21, welche Menschen als „besonders schutzbedürftig“ gelten. Allgemein handelt es sich dabei um vulnerable Personengruppen, die besondere Bedürfnisse haben – Minderjährige, Schwangere, Menschen mit Behinderung, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Überlebende von Folter – die Liste ist noch länger. Unsere Abteilung ist dabei im Rahmen des BNS die Anlaufstelle für traumatisierte Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die Folter oder eine andere Form von schwerer körperlicher oder psychischer Gewalt erlebt haben.

In was für einer Lebenslage befinden sich die Menschen, die zu euch kommen? David Keller (Psychologischer Psychotherapeut):
Da wir eine Anlaufstelle für Menschen sind, die sich meist noch am Anfang ihres Asylverfahrens oder mittendrin befinden, haben unsere Klient:innen oft noch einen ungeklärten Aufenthaltsstatus. Das ist gerade für traumatisierte Menschen, die in der Folge eine psychische Erkrankung entwickelt haben, zusätzlich eine große Belastung. Viele der Ratsuchenden haben eine lange und mitunter lebensgefährliche Flucht hinter sich, bei der sie häufig erneut Gewalt erlebten. Zu den Belastungen durch die Gewalterfahrungen, den bestehenden gesundheitlichen Beschwerden und den unsicheren Lebensumständen kommen viele weitere Stressoren hinzu, zum Beispiel mit Blick auf die Unterbringungssituation.

Wie lange dauert eine Beratung in eurer Fachstelle an und mit was für Anliegen wenden sich Klient:innen an euch? Friederike Schwarzkopf (Psychologische Psychotherapeutin):
Wir bieten in der Regel bis zu zehn Sitzungen an, in denen wir unseren Klient:innen bei diversen psychosozialen Anliegen mit Rat und Tat zur Seite stehen. Kern der Beratung ist zum einen das Angebot einer diagnostischen Abklärung der psychologischen Belastungen. Gleichzeitig verfolgen wir einen ganzheitlichen Ansatz, der die gesamte Lebenssituation unserer Klient:innen in den Blick nimmt: Wir vermitteln an Asylrechtsberatungsstellen, begleiten den komplizierten und hürdenreichen Prozess des Ankommens im deutschen Gesundheitssystem und bahnen eine erste Alltagsstruktur. Die Beratung beinhaltet darüber hinaus psychologische Unterstützung wie Kriseninterventionen und Stabilisierung.

Mit welchen Hürden sind eure Klient:innen denn im Alltag konfrontiert? Amelie Moeller (Sozialarbeiterin):
Ein Aspekt sind die langen Asylverahren mit unsicherem Ausgang. Die Unsicherheit und Angst vor Abschiebung stehen der psychischen Stabilisierung der Klient:innen häufig im Weg. Die Sorge, wieder in das Heimatland zurückkehren zu müssen, in dem die Gewalterfahrung stattgefunden hat und womöglich weitere Gewalt droht, steht in den Beratungen oft im Vordergrund. Genauso auch die Sorge um Familienangehörige, die weiterhin in Gefahr sind. Auch haben viele unserer Klient:innen, die Gewalt erfahren haben, nicht nur psychische sondern auch körperliche Folgen davongetragen. Die Anbindung an entsprechende Fachärzt:innen zur Diagnostik und Behandlung eventueller Verletzungen, genauso wie zur psychiatrischen Behandlung, ist oft kompliziert und langwierig. Insbesondere auch wegen fehlender Dolmetscher:innen in der medizinischen Regelversorgung.

Das BNS versteht sich auch als Sprachrohr und setzt sich in regelmäßigen Lobbyrunden zusammen, um sich für besonders schutzbedürftige Menschen auf politischer Ebene starkzumachen. Was genau sind Themen oder Anliegen, die ihr durch euren Kontakt mit Klient:innen klar identifiziert? Nour Al Hendi (Projektkoordinator):
Ein Kernanliegen ist, die Unterbringungslage für besonders schutzbedürftige Menschen zu verbessern. Es gibt in Deutschland viel zu wenige Unterkünfte, die spezifisch an die Bedürfnisse schutzbedürftiger Menschen angepasst sind. So etwas wie Unterkünfte speziell nur für Frauen und Unterkünfte, die barrierefrei sind. Außerdem wird die Schutzbedürftigkeit eines geflüchteten Menschen oft erst viel zu spät festgestellt. Deswegen sind wir der Meinung, das Konzept der besonderen Schutzbedürftigkeit muss institutionalisiert werden. Das bedeutet, direkt bei der Ankunft in einem EU-Land muss im Registrierungsprozess untersucht werden, ob es sich bei dem Asylantragstellenden um einen besonders schutzbedürftigen Menschen handelt. Wenn das der Fall ist, müssen die damit einhergehenden Rechtsansprüche sofort geltend gemacht werden.

103 geflüchtete Kinder, Jugendliche und erwachsene Menschen mit psychischen Belastungen wurden infolge von Kriegs-, Verfolgungs- und Gewalterlebnissen beraten.

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> Mehr Informationen zur Fachstelle für Traumatisierte & Überlebende schwerer Gewalt des ZÜ im Berliner Netzwerks für besonders schutzbedürftige geflüchtete Menschen (BNS)

> Alle Jahresberichte des Zentrum ÜBERLEBEN im Überblick
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