Interview

Zum Weltflüchtlingstag 2020 –
Im Gespräch mit Claudia Roth

Das Zentrum ÜBERLEBEN bietet medizinisch-therapeutische Behandlung an und gleichzeitig Beratung, berufliche Qualifizierung und Ausbildungswege zur Sozialassistenz. Was würden Sie als unsere Schirmfrau gerne sagen, wenn Sie an unsere Zielgruppe schwer traumatisierter Überlebender von Gewalt, Folter und Vertreibung denken anlässlich des Weltflüchtlingstags am 20.6.2020?

C.R: „Jeder Mensch hat das Recht auf ein Leben in Würde, auf körperliche und seelische Unversehrtheit, auf Schutz. Dieses Versprechen wahr zu machen, ist Aufgabe allen staatlichen Handelns. Leider gibt es hier immer noch viel zu tun.
Es ist dringend geboten, den Schutz von Menschenrechten und die Stärkung der Rechte von Geflüchteten politisch besser umzusetzen und zugleich gegen einen weltweiten rechten Backlash zu verteidigen. Das Zentrum ÜBERLEBEN leistet dazu einen wichtigen Beitrag. Für eure unermüdliche Arbeit möchte ich euch von Herzen danken. Ihr gebt Menschen, die unfassbares Unrecht überlebt haben, die Möglichkeit, wieder ins Leben zu finden und gesellschaftlich teilzuhaben.“

Wie ist es in Deutschland um das universale Menschenrecht auf Gesundheit bestellt? Was würden wir brauchen?

C.R: „Das universale Menschenrecht auf Gesundheit müssen wir auch in Deutschland auf vielen Ebenen noch voranbringen: Alle Menschen brauchen barrierearmen und nicht-diskriminierenden Zugang zu Gesundheitsdienstleistungen, auch Menschen ohne Aufenthaltsstatus oder obdachlose Menschen. Wir müssen zudem alles tun, damit ungerechte gesellschaftliche Strukturen beseitigt werden, die krank machen: Dazu zählen etwa Rassismus, Queerfeindlichkeit und andere Formen der Diskriminierung, prekäre und gefährliche Arbeitsverhältnisse, die Einschränkung der vollen reproduktiven und sexuellen Rechte von Frauen oder die Bevormundung von trans Menschen. Ich bin davon überzeugt, dass wir in allen gesellschaftlichen Bereichen ein Mehr an Vielfalt, eine gerechte Repräsentation und Teilhabe für Menschen aus unterschiedlichsten Hintergründen brauchen, sei es mit Migrationsgeschichte, mit Fluchterfahrung oder LGBTIQ. Vielfalt macht unsere Demokratie stark.“

Was ist dann unser Committment zur Anti-Folter-Konvention wert, wenn diese Menschen an unseren europäischen Außengrenzen in lebensbedrohliche Situationen zurückgeschickt werden und Deutschland nichts Zielführendes dagegen unternimmt?

C.R: „Es ist eine riesen Schande, was an unseren europäischen Außengrenzen passiert. Noch immer müssen Menschen im Mittelmeer ertrinken, weil sich die EU und ihre Mitgliedsstaaten einer staatlich getragenen zivilen Seenotrettung verweigern. Dass Europa mit ansieht, wie Menschen zurück in libysche Folterzentren geschickt werden, ist unerträglich und ein menschenrechtlicher Skandal. Gewalt gegen Geflüchtete ist an vielen Orten in Europa traurige Realität. Auch die Situation in den griechischen Lagern ist eine humanitäre Katastrophe, die wir nicht länger hinnehmen dürfen. Wir müssen die offene Gesellschaft verteidigen, die Menschenrechte hochhalten, unteilbar und solidarisch bleiben!“

Wir danken Claudia Roth für das Interview und dafür, dass sie das Zentrum ÜBERLEBEN schon seit vielen Jahren engagiert unterstützt. 

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Foto: Stefan Kaminski