Interview

Recht auf Sprachmittlung

Behandlungsbarrieren verschlimmern Traumatisierungen

Die Versorgungslücke für psychisch erkrankte Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse ist groß. Sprache ist das Arbeitsinstrument, doch Behandlungsangebote mit Hilfe von Dolmetscher*innen fehlen weiterhin. Psychiaterin und Psychotherapeutin Patricia Panneck von der Tagesklinik des Zentrum ÜBERLEBEN kritisiert, dass Patient*innen mit Traumafolgestörungen sehr häufig viele Monate bis zur Aufnahme warten müssen. Sie unterstützt die Forderung, das Recht auf Sprachmittlung ins SGB V aufzunehmen.

Müssen sich geflüchtete Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse immer an spezialisierte Einrichtungen wenden, obwohl hier die Wartezeiten sehr lange sind?

Theoretisch steht ihnen die Regelversorgung offen. Aber auch für deutschsprachige Menschen ist der Zugang zu psychotherapeutischer Behandlung nicht einfach, denn um einen Therapieplatz zu erhalten, muss man häufig erstmal mehrere Praxen anrufen. Dieser Weg zu niedergelassenen Ärzt*innen oder Psychotherapeut*innen ist für Menschen ohne deutsche Sprachkenntnisse natürlich deutlich erschwert. Die Sprachbarriere ist bereits beim ersten Schritt eine echte Hürde.

Ohne eine ambulante Anbindung, die Krisen abfangen könnte, wenden sich viele in Notsituationen an die Rettungsstellen. Dort findet dann zwar eine Notfallbehandlung statt, das Problem besteht jedoch weiter, dass den Menschen der Zugang zu einer regelmäßigen ambulanten Therapie fehlt. Da die Hürden, in die Regelversorgung hineinzukommen, sehr hoch sind, haben Einrichtungen wie das Zentrum ÜBERLEBEN, die mit professioneller Sprachmittlung arbeiten, natürlich großen Zulauf.

Mit welchen Wartezeiten müssen diese Patient*innen bei den Einrichtungen, die auf diese Zielgruppe spezialisiert sind, rechnen?

Wir haben das Know-How und die Sprachmittlung, aber durch den großen Andrang sind die Wartezeiten leider mindestens 3-6 Monate lang, teilweise auch deutlich länger. Häufig verschlechtert sich die Verfassung der Menschen weiter, während sie auf den Therapiebeginn warten. Das verlängert dann die Behandlungszeit und führt im Umkehrschluss dazu, dass andere wiederum länger warten müssen – ein Teufelskreislauf.

Stellt Ihr häufig eine Verschlechterung des Zustands bei den Patient*innen fest?

Ja, wir stellen das häufig fest. Wenn man die Vorbefunde von den Patient*innen sieht, kann man ja Rückschlüsse über den Verlauf ziehen. Wir haben den Eindruck, dass ein schnelleres Angebot bei vielen wichtig gewesen wäre, um in kürzerer Behandlungszeit mehr bewirken zu können und vor allem um eine Verschlechterung bzw.  Chronifizierung zu vermeiden. Wir sind eben eine der ganz wenigen spezialisierten Einrichtungen in der Stadt. Andere Kliniken, die traumatherapeutisch spezialisiert sind, arbeiten in der Regel nicht mit so vielen Sprachmittler*innen.

Warum könnt Ihr nicht auf Englisch behandeln bzw. therapieren?

Zunächst schon allein deshalb nicht, weil viele Patient*innen nicht über ausreichend gute Englischkenntnisse verfügen, um eine Psychotherapie in dieser Sprache zu machen. In der Psychotherapie ist die Sprache das Behandlungsinstrument, insofern ist es unumgänglich, sich wirklich präzise verständigen zu können und auch Untertöne mitzubekommen. Ansonsten wächst die Gefahr von Missverständnissen und Fehlern bei Diagnose, Behandlungsplanung oder – wenn es um psychiatrische Behandlung geht – bei der Medikation. Für Aufklärung, auf die alle Patient*innen ein Recht haben, benötigt man eine fachlich gute Sprachmittlung, um beispielsweise über Nebenwirkungen von Medikamenten differenziert zu informieren. Ansonsten entsteht ein nachvollziehbares Misstrauen.  Ich bin mehrfach mit Patient*innen in Kontakt gekommen, die nicht wussten, warum sie welche Medikamente einnehmen. Es ist aber gerade bei psychischen Erkrankungen sehr wichtig, ein gutes Krankheitsverständnis zu entwickeln.

Wie fühlt sich das für Patient*innen an, die sich ärztliche Hilfe suchen, ohne dass auf Sprachmittlung zurückgegriffen werden kann?

Je häufiger die Betroffenen die Erfahrung machen müssen, dass sie ihre Probleme nicht kommunizieren können, desto größer wird natürlich der Frust. Während der Suche von Anlaufstelle zu Anlaufstelle erleben sie einen stetigen Wechsel von Hoffnung und Perspektivlosigkeit. Mit solchen Erfahrungen verändert sich häufig die Haltung zum Hilfesystem, was nachvollziehbar ist. Die eigentlich sehr kranken Menschen versuchen erst gar nicht mehr, eine Psychotherapie oder psychiatrische Behandlung zu bekommen.

Wie müssen denn Sprachmittler ausgebildet sein?

Sie sollten sehr gute sprachliche Kenntnisse haben, aber auch Hintergrundwissen zu den Erkrankungen. Sprachmittler*innen müssen mit belastenden Situationen, die im Therapiesetting entstehen können, umgehen, was nicht einfach ist. Es sind ja sehr emotionale Gespräche.  Deshalb ist es wichtig, dass sie sich selbst schützen.  Hierfür ist auch eine gute Supervision wichtig.

Was hältst Du von der Forderung, das Recht auf Sprachmittlung ins Sozialgesetzbuch V aufzunehmen?

Diese Forderung ist richtig und sie ist überfällig. Selbst vor 2015 war das unser Anliegen und der Bedarf ist weiter gestiegen. Menschen ohne deutsche Sprachkompetenz sind unterversorgt, und viele haben aufgrund ihres Fluchtgrundes, aufgrund der Erfahrungen während der Flucht, aber auch durch aktuelle Schwierigkeiten in Deutschland einen akuten Leidensdruck. Wir haben die Verantwortung, ihnen Hilfe zugänglich zu machen.

Doch dieser Teil des Patientenkollektivs erlebt massive Einschränkungen. Wir müssen uns damit auseinandersetzen, wie man das überwinden und eine gleichberechtigte Teilhabe am Gesundheitssystem ermöglichen kann. Dadurch profitieren am Ende alle, denn so können Behandlungsdauern verkürzt, Chronifizierung vermieden und Kosten gespart werden. Das ist eine langfristige Rechnung, die man aufmachen muss. Darum ist es dringend notwendig, das Recht auf Sprachmittlung bei der medizinischen Versorgung und damit bei der psychiatrischen und psychotherapeutischen Behandlung festzuschreiben und zu garantieren.

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2021-06-23T10:24:57+02:00
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