///Interview: „Der Zugang zur Versorgung wäre für traumatisierte Geflüchtete praktisch abgeschnitten“

Sven Veigel-Sternberger ist Koordinator des Berliner Netzwerks für besonders schutzbedürftige Flüchtlinge, das auch im ZÜ angesiedelt ist. Andrea Ahrndt ist klinische Sozialarbeiterin und leitet das Projekt der psychosozialen Versorgung neu eingereister traumatisierter Geflüchteter. (©Foto: Zentrum ÜBERLEBEN)

Newsletter 2/2018 – Interview

»Der Zugang zur Versorgung wäre für traumatisierte Geflüchtete praktisch abgeschnitten«

Die Einrichtung der geplanten AnkER-Zentren birgt gesundheitliche und rechtliche Gefahren, warnen Andrea Ahrndt und Sven Veigel-Sternberger. Der Zugang zu unabhängigen Stellen und Expert*innen sei schwierig. Die Gesundheit der ohnehin schon Traumatisierten müsse endlich in den Fokus rücken.


Welche konkreten Gefahren sehen Sie für die Feststellung und Versorgung traumatisierter Geflüchteter in den geplanten AnkER-Zentren?

SV: Die Feststellung einer Traumatisierung braucht Zeit und Vertrauen, das sich zu den Therapeut*innen aufbauen muss. In den geplanten Zentren wäre das unmöglich. Es ist völlig offen, wie die Geflüchteten an unabhängige Beratungen und in die bestehenden Hilfsstrukturen außerhalb der Zentren gelangen sollen. Viele Traumatisierungen werden unerkannt bleiben. Die Betroffenen erhalten dann nicht die Versorgung, die sie benötigen. Außerdem entsprechen die sogenannten Direktverfahren in den Zentren nicht den Standards der EU-Verfahrensrichtlinie. Sie berücksichtigen nicht die Bedarfe traumatisierter Geflüchteter, bieten keine Vermittlung und keinen Zugang zu adäquaten Hilfsangeboten. Laut EU-Recht steht ihnen aber genau das frühzeitig zu.

AA: Die Frage nach der Erhebung individueller Bedarfe und Indikationen ist völlig offen. Diese sind sehr unterschiedlich und reichen von sozialen Angeboten über psychosoziale Versorgung bis hin zu einer traumafokussierten Psychotherapie.

Bisher gibt es in Berlin keine AnkER-Zentren, jedoch das Ankunftszentrum, in dem der Bund und das Land Berlin eng miteinander kooperieren. Was berichten Ihnen die Patient*innen, die dort oder in anderen großen Sammelunterkünften untergebracht sind?

AA: Im Prinzip herrschen dort lagerartige Zustände. Es gibt keine Privatsphäre, häufig kommt es zu Konflikten, mitunter zu Gewalt. Traumatisierte Menschen finden dort keine Sicherheit. Die Symptomatik wird aufrechterhalten oder verschlimmert. Viele bekommen Krisen, sind sogar suizidgefährdet und kommen einfach nicht zur Ruhe. Sie müssten schnellstmöglich da raus. Leider hat sich an der langen Aufenthaltsdauer in den Sammelunterkünften in den letzten Jahren so gut wie nichts getan, das liegt auch am mangelnden Wohnraum in Berlin.

SV: Zudem wird mehr geschultes Personal in den Unterkünften benötigt. Auch über systematische Screening-Fragebögen, die Hinweise auf psychische Belastungen erfassen, muss man nachdenken. Es fallen momentan viel zu viele besonders schutzbedürftige Geflüchtete durchs Raster.

Inwiefern glauben Sie wird sich die Situation der Betroffenen weiter verschlechtern, wenn die Einrichtung von AnkER-Zentren deutschlandweit durchgesetzt wird?

SV: Zu befürchten ist in jedem Fall, unabhängig von der Verschlechterung des Gesundheitszustands der Betroffenen, dass der Zugang zu unabhängigen Informationen und Beratungen immer schwerer wird. Viele Geflüchtete wissen nicht, was ihnen rechtlich überhaupt zusteht. Auch die Zusammenarbeit zwischen Bundesbehörden, den Bundesländern und Kommunen unter einem Dach sehen wir mitunter skeptisch. Die Kooperation muss genau geregelt werden, um der Komplexität der Asylverfahren für traumatisierte Geflüchtete gerecht zu werden. Das macht im Ankunftszentrum in Berlin bisher nicht den Eindruck. Vieles scheint dort dem Zufall überlassen. Dies dürfte sich in den AnkER-Zentren weiter zuspitzen.

AA: Mit der Einrichtung der AnkER-Zentren wäre der Zugang zur Versorgung für traumatisierte Geflüchtete praktisch abgeschnitten. Sie dürften nur vor Ort versorgt werden, im Falle einer psychischen Belastung durch Krieg, Folter und Flucht geht das aber nicht. Die Menschen tragen ein großes Misstrauen in sich, das nur an einem ruhigen und sicheren Ort langsam abgebaut werden kann.

Welche Forderungen ziehen Sie daraus?

AA: Legale Routen nach Europa wären zumindest ein Mittel, um Traumatisierungen und Todesfälle auf der Flucht zu verhindern und so das Leid vieler nicht noch zusätzlich zu vergrößern. Hier in den Aufnahmestellen sollte dann die Gesundheit der Geflüchteten zuerst begutachtet werden und im Fokus aller Bemühungen stehen.

SV: Als Aufnahmegesellschaft haben wir die Verantwortung, schutzsuchenden Menschen ein Verfahren anzubieten, das sie nicht noch kränker macht. Das bedeutet einen kurzen Aufenthalt in Sammelunterkünften, eine gesundheitliche Versorgung, die auf individuelle Bedarfe zugeschnitten ist sowie den frühestmöglichen Zugang zu rechtlicher und psychologischer Beratung. Das ist auch die rechtlich verbriefte Ansicht der EU, an der die Bundesregierung einen erheblichen Anteil hat.

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2018-06-06T14:32:15+00:00