Weltfrauentag 2024

Wenn in der Heimat der Sturm tobt

08.03.2024

Der nachfolgende Text wurde von zwei Therapeutinnen der Erwachsenen-Ambulanz verfasst. Darin werden Empfindungen, Erfahrungen und Sichtweisen gespiegelt, die sie über ihre Arbeit mit Patient:innen miterlebt haben. Die Geschichte und die Gefühle der Ich-Erzählerin sind zwar an wahre Erlebnisse angelehnt, jedoch nicht biografisch zu verstehen.

Meine Mutter ist eine sehr mutige Frau. Sie hat es geschafft, sich im Iran von meinem gewalttätigen Vater scheiden zu lassen. Als ich zehn Jahre alt war, verließen wir ihn und zogen in eine eigene Wohnung. Endlich konnten wir in Ruhe leben: Ohne Gewalt, Beschimpfungen und seine täglichen Wutausbrüche. Das Gericht wollte es jedoch so, dass mein Bruder und ich jeden Samstag bei ihm verbrachten. Jede Woche, einen Tag zurück zu diesem grauenvollen Ort, zu diesem grauenvollen Mann.

Wir hatten uns dennoch in unserem neuen Leben Schritt für Schritt eingerichtet: Neue Schule, neue Nachbarschaft, neue Freunde. Meine Mutter ging nachts in einer Bäckerei arbeiten. So hätte es eigentlich weitergehen können, aber eines Tages kam sie am Morgen nicht zurück nach Hause. Sie blieb den ganzen Tag weg und kehrte erst am Abend zurück. Beim Wiedersehen verhielt sie sich uns gegenüber harsch, fuhr uns an und schloss sich danach lange im Bad ein. Es wurde kein Wort darüber verloren, wo sie gewesen ist.

Seit diesem Tag hatte unsere Mutter ständig Angst um uns, vor allem um mich. Wir sollten nur noch mit dem Taxi fahren, nie lange draußen bleiben und sicher- gehen, dass uns niemand verfolgte. Kurze Zeit darauf kamen wir einmal nach Hause – und fanden unsere Wohnung komplett auf den Kopf gestellt wieder. Alle möglichen Sachen waren umgeworfen worden und lagen auf dem Boden zerstreut. Für meine Mutter hatte man einen Brief hinterlassen: Ihrer Tochter würde dasselbe widerfahren wie ihr. Nach diesem Schock gingen wir zu einer guten Freundin meiner Mutter und die beiden blieben die ganze Nacht wach und besprachen, was wir als nächstes tun sollten. Niemand erklärte uns Kindern, was eigentlich passiert war, aber wir hatten auch so schon verstanden, dass meine Mutter von diesen Männern, die uns bedrohten, vergewaltigt worden ist. Und uns allen war klar, dass mir dasselbe Schicksal drohte.

Ich hatte schreckliche Angst. Die Polizei würde uns nicht beschützen, so viel war sicher. Denn, wenn eine Frau im Iran vergewaltigt wird, so wird sie selbst dafür verantwortlich gemacht und ihr wird „außerehelicher Sex“ vorgeworfen. Vor Gericht zählt die Aussage einer Frau nur halb so viel wie die eines Mannes. Wird die Frau schuldig gesprochen, drohen hohe Strafen: Von Auspeitschungen, bis hin zur Todesstrafe. Es blieb uns also nur ein Ausweg: Wir mussten den Iran verlassen.

So flohen wir über die Türkei nach Griechenland, wo wir vor fünf Jahren ankamen. Ich war damals 16 Jahre alt. Nach einigen Monaten in Griechenland hatten wir uns wieder an die neue Lebensumstellung gewöhnt. Zwar wohnten wir in einem abgelegenen Camp am Stadtrand, die Lebensbedingungen waren schlecht und es gab nicht immer genug zu essen, doch es gab eine NGO, die Essen verteilte. Mein Bruder und ich konnten außerdem die Schule einer anderen NGO besuchen und lernten Griechisch. Es kehrte ein wenig Normalität ein. Endlich konnte ich meine Jugend ein Stück weit genießen und nach einer Weile erhielten wir sogar die Flüchtlingsanerkennung. Die Gewalt, die Sorge, die Wunden von damals erschienen weit weg.

Mit der Flüchtlingsanerkennung entfällt jedoch sofort jede staatliche Hilfe. Wir wurden also dazu aufgefordert, unverzüglich das Camp zu verlassen, bekamen kein Geld mehr und meine Mutter wurde schwer krank und konnte deswegen nicht mehr arbeiten. Da wir uns keine Wohnung leisten konnten, hausten wir von nun an mit anderen Geflüchteten in einer alten Ruine. Dort hatten wir ständig Angst vor Überfällen und sexuellen Übergriffen. Die Situation verschlechterte sich so weit, dass uns nichts anderes übrigblieb, als nach Deutschland weiterzuziehen.

Nun lebe ich seit anderthalb Jahren in Deutschland. Mein Bruder kann weiter zur Schule gehen, ich besuche die Sprachschule und meine Mutter wird medizinisch gut versorgt. Wir hatten sogar das Glück und konnten in eine eigene Wohnung ziehen. Es kehrt bei uns allmählich Ruhe ein, doch ich spüre in mir eine große Unlust, Erschöpfung, Wut, Trauer. Eine Psychologin der Unterkunft rät mir zur Therapie. Ich folge ihrem Rat und merke, wie mir die Therapie hilft, das Erlebte aufzuarbeiten und auch in den Dialog mit meiner Mutter zu treten. Was ist eigentlich alles passiert, warum mussten wir fliehen? Ich merke, wie ich über die Zeit ruhiger werde. Endlich.

Das Jahr 2022: Nicht nur die Anhörung beim BAMF wirft mich und meine Familie auf brutale Weise wieder zurück in die Vergangenheit. Das ständige Warten, die Angst davor, mit den vergangenen Ereignissen konfrontiert zu werden, das Erlebte einer fremden Person erzählen zu müssen – all das versetzt mich in Unruhe.

Parallel dazu erreichen mich Nachrichten, Bilder, Geschichten aus der Heimat. ENDLICH gibt es Proteste für Frauenrechte und gegen das menschenrechtsfeindliche Regime im Iran. Über die sozialen Medien erfahre ich, dass meine Cousinen auf die Straße gehen, sich zeigen, ihre Geschichten teilen – und verschwinden. Plötzlich beschäftige ich mich jeden Tag, jede Stunde mit den Ereignissen im Iran. Ich durchforste die sozialen Medien, spreche mit meiner Familie und meiner Therapeutin über die Situation im Iran. Mich überrollen die Gefühle.

Obwohl die Proteste im Iran endlich die Probleme des Landes thematisieren und ich das so wichtig finde, merke ich, wie in mir ein Kampf ausbricht: Da gibt es die Kriegerin, die sich zeigen will, die für die iranischen Frauen einstehen will, die ihre Geschichte teilen und verarbeiten will. Und es gibt auch den Teil in mir, der die Tür der Vergangenheit zuhalten, nicht mehr hinsehen will, sich mit der erlebten Ohnmacht, Ungerechtigkeit und den Übergriffen nicht mehr beschäftigen möchte. Der Teil, der einfach ohne Sorgen leben will. Wie es weiter geht? Ich weiß es nicht. Fest steht, dass ich diesen inneren Kampf nicht mehr lange alleine kämpfen kann, dass mich meine Kräfte langsam verlassen. Was das bedeutet? Auch das weiß ich nicht, aber vielleicht finde ich mit meiner Therapeutin einen Weg?

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Das Projekt ‚Teilhabe fördern‘ wird gefördert von der Lotto Stiftung Berlin
– und ermöglicht die psychosoziale Versorgung von geflüchteten Menschen. 

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* Der Schutz unserer Patient:innen ist uns wichtig. Deswegen arbeiten wir mit Anonymisierungen bei Persönlichkeitsdaten und Fotos.