Fußball lässt für Momente alles vergessen

Ein Fußball-Crashkurs mit Monika Staab, einer international bekannten Fußballtrainerin und Ex-Profispielerin, ist ein Highlight für elf Patient*innen, Klient*innen und deren Familienangehörige auf der Wiese neben unserem Zentrum ÜBERLEBEN. Die Profi-Frau setzt sich weltweit für die Emanzipation von Frauen und Mädchen sowie für die Anerkennung des Frauen- und Mädchenfußballs ein. Sie trainiert Trainerinnen, Lehrer*innen und vermittelt, was Sport und Bewegung alles bewirken kann.

Die Mädchen und Frauen auf den bunten Decken lauschen der energetischen 62-jährigen Monika Staab. Die drahtige Sportlerin im schwarzen schlichten Trainingsoutfit hat zwanzig Bälle und Trainingshütchen mitgebracht. Die Zuhörerinnen sind für das Training sehr unterschiedlich gekleidet: von Turnschuh bis Schläppchen, von Sportkluft bis knöchellangem Gewand. Ihre Herkunftsländer sind der Irak, Jemen und Afghanistan. Die Sozialarbeiterin der Ambulanz für Kinder und Jugendliche (KJA), Antje Wohlleber, hat dieses Event initiiert. Da sie Monika Staab und ihren weltweiten Einsatz für die Rechte von Frauen und Mädchen sehr schätzt, hatte sie sich direkt an den DFB gewendet. Nach einigen Mails und ein dreiviertel Jahr später kommt die Koryphäe zu uns – auf ihrem Weg zum DISCOVER FOOTBALL FESTIVAL: Care, Justice, Wellbeing in Kreuzberg. Hier spielen in den nächsten Tagen junge Frauen aus Kenia, der Türkei, Serbien, Jordanien, dem Libanon u.a.m. Einen Vorgeschmack, um was es geht, erleben wir auf unserer eigenen Wiese. Das Mittel der Verwandlungen, die hier stattfinden, ist ein Ball. Und es geht unter die Haut.

„Es gibt keinen Sport, der soviel Begeisterung und Motivation hervorbringt und für den ihr so wenig braucht.“ Monika Staab redet engagiert und schnell, was unsere Dolmetschenden vor echte Herausforderungen stellt. Sofort demonstriert sie, was sie meint und kickt mit einer jungen Teilnehmerin eine Wasserflasche hin und her. „Das ist das Geheimnis, warum Fußball auf der ganzen Welt gespielt wird. Ihr braucht eine Flasche und vielleicht noch zwei Steine oder Stöcke für ein Tor. Mehr braucht ihr nicht. Als ich auf einer indonesischen Insel keinen Ball auftreiben konnte, haben wir einfach Plastiksäcke zu einem Ball gerollt und gespielt. Das Problem war nur: es gab kein einziges Mädchen, das sich getraut hätte, mitzumachen. Mädchen werden beim Fußball nicht gern gesehen.“

Das kennt auch M., die 21-jährige Tochter einer schwer depressiven afghanischen Patientin, die bald Abitur in einem Fachgymnasium macht. Sie hat sich sehr auf das Event bei uns gefreut, denn die Familiensituation ist stark belastet. „In Afghanistan war es immer so, dass die Frauen zuhause bleiben sollten und Mädchen nicht Fußball spielen dürfen. Auch in Deutschland erlebe ich, dass Jungs nicht mit mir kicken und Mädchen als schwächer oder unsportlicher eingeschätzt werden. Dabei ist es überhaupt nicht so, wenn man es mal ausprobiert.“

Eine der Zuhörenden in schickem Hosenanzug wird unruhig. Die 26-jährige Patientin A., die in ihrer Heimat eine Entführung durch den IS erleben musste, konnte noch vor einem Jahr zu Beginn ihrer Therapie im Zentrum ÜBERLEBEN nicht ohne Begleitung kommen, so belastet war sie. Die mittlerweile zweifache Mutter wird während des Gesprächs unruhig…Grund: sie will nicht mehr zuhören, sondern sie will spielen.

Das Training beginnt und es wird bei den Tribbel- und Wahrnehmungsübungen klar, wie leichtfüßig und souverän Patientin A. mit dem Ball umgeht. Bei anderen wirkt es unbeholfener und erst einmal herrscht eine gewisse Schenanz vor. Doch bei einigen Frauen lässt sich erahnen, dass sie das runde Ding bereits ganz gut kennen. „Ich habe in meiner Kindheit viel Fußball gespielt und es hat mir immer großen Spaß gemacht. Heute ist es das erste Mal seit vielen Jahren, dass ich den Ball berühre. Ich bin so unendlich dankbar, dass diese Trainerin zu uns gekommen ist. Sie ist ein Vorbild für jede Frau, unterstützt Frauen überall und das finde ich toll“, so Patientin A.

Die anfängliche Zaghaftigkeit unter den Frauen löst sich auf. Fußballtrainerin Staab stellt Aufgaben, die das Miteinander und den gegenseitigen Körperkontakt stärken, es wird immer mehr gelacht. Die Frauen lassen sich auf das Training ein und dann auf das Match mit grünen und orangenen Laibchen. Sie stolpern, schwitzen, umtrippeln sich, schießen, fliegen hin und stehen wieder auf, zwei Tore und große Freude. Es wird gejauchzt und gejubelt. Patientin A. und M., die junge Frau aus Afghanistan, beide geben vollen Einsatz genauso wie einige andere: irgendwie scheint hier eine Verwandlung im Gange zu sein. Nach dem Match, das mit 2:1 ausgegangen ist, sind die Frauen gelöst, teilweise begeistert und entspannt. „Ich habe meinen zwei kleinen Brüdern Sportvereine gesucht und das alles klargemacht“, meint M. „Jetzt will ich mich endlich um einen Verein für mich selbst kümmern. Das Erlebnis heute motiviert mich umso mehr.“ Die Augen von Patientin A. strahlen, sie erzählt schnell und beschwingt in ihrer Sprache. „Es hat mir so viel Spaß gemacht. Sport ist gesund für den Körper, aber auch für den Kopf und die Seele“, sprudelt sie. „Ich würde sehr gerne hier in Deutschland in einer Frauenmannschaft spielen, aber ich weiß nicht so richtig, wie ich das anstellen soll.“ Cornelia Bruckner, Sozialarbeiterin der Erwachsenenambulanz, hat alles mitbekommen und das To Do ist vermerkt: sie wird Patientin A. bei ihrem Plan unterstützen.

„Sport gibt den Frauen für Momente große Freiheit und Glücksgefühle, das habe ich bei meiner Arbeit in Flüchtlingslagern im Libanon, in Jordanien und in Afrika gesehen. Sie fühlen sich großartig und können für Momente alles vergessen. Natürlich kann ich durch diese vereinzelten Angebote nicht das bearbeiten, was diese Menschen erlebt haben. Aber wenn ein Mensch seinen Körper belasten kann und sich durch den Sport im Inneren gut fühlt, dann gibt das ganz viel“, erzählt Monika Staab.

„Ich war auch in Kambodscha und habe mit Mädchen Fußball gespielt, die nach Thailand verkauft und dort vergewaltigt wurden, arbeiten mussten und dann zurückgekehrt sind und in Heimen leben. Zunächst waren sie sehr distanziert. Aber nach einer Weile merkte ich, wie sie für Momente alles vergessen, weil sie sich wieder gut fühlen können in ihrem Körper und erfahren, dass sie viel mehr können, als sie denken. Der Sport hilft, sich über negative Bilder hinwegzusetzen und etwas Positives zu sehen.“

Das Event im Sonnenschein geht über in einen gemeinsamen Brunch und die Kolleg*innen der KJA sind zufrieden, welche Dynamik alles angenommen hat. Monika Staab betont nochmals ihre Message an alle. „Es gibt kein Argument, warum Mädchen keinen Fußball spielen können sollten. Sie haben einen anderen Körperbau als Männer, das ist alles. In vielen Ländern – wie in Gambia – machen Mädchen und Frauen Hausarbeit, kriegen jung Kinder, ihnen wird Bildung verwehrt und sie schleppen schwere Säcke. Es ist unfassbar. Darum setze ich mich für Gleichberechtigung ein und dafür, dass alle Fußball spielen dürfen. In Gambia bringe ich beispielweise seit zwei Jahren den Mädchenfußball in die Schulen und bilde Lehrerinnen und Trainerinnen aus.“

Monika Staab betont, dass wir in Deutschland in paradiesischen Verhältnissen leben, was das Angebot an Sportvereinen anbelangt, und dass es einfache Zugänge dahin gibt. Sie wünscht den Frauen und Mädchen Glück, hier etwas für sich zu finden.

„Auch ich habe schon als Mädchen viel gespielt. Fußball hat mir Selbstvertrauen gegeben. Ich hatte dadurch immer das Gefühl, Bäume ausreißen und alles in der Welt machen zu können“, sagt Staab. „Ohne den Fußball und ohne den Verein, hätte ich natürlich überlebt, aber das Leben wäre lange nicht so schön gewesen. Es hat mir so eine Kraft und Stärke gegeben. Mit hunderten Mädchen und Frauen in einem Verein zusammen zu sein, das ist ein unheimlich einzigartiges Gemeinschaftserlebnis. Durch den Sport fühlt ihr euch gut und das befähigt Menschen dazu, auch wiederum anderen etwas zu geben Dieses Gefühl wünsche ich Euch allen.“

Hintergrund zu Monika Staab: Als die gebürtige Hessin 11 Jahre alt war, erlaubte der DFB, dass in Deutschland Frauen in Fußballmannschaften spielen. Das war also erst 1970. Staab selbst begann als 11-Jährige in hessischen Frauenmannschaften und spielte bereits als 18-Jährige um die deutsche Meisterschaft. Ein Jahr später begann sie in Paris, dann England und später wieder in der hessischen Heimat zu spielen.

Mit 34 Jahren startete Monika Staab eine Karriere als Fußballtrainerin, in der sie fünf Jahre die Frauenmannschaft des 1. FC Frankfurt trainierte, sie zu Meistertiteln, Pokalsiegen und zum UEFA-Pokal brachte. Seit vielen Jahren ist sie weltweit für den Frauenfußball unterwegs: trainierte in Katar, Bahraim und Gambia Profis. Sie beriet die Fifa in Entwicklungsprojekten und besuchte zahlreiche Lager für Geflüchtete, um dort Trainingseinheiten anzubieten. Monika Staab setzt sich dafür ein, dass Fußball als Frauensport gesellschaftlich anerkannt und in den jeweiligen Bildungs- und Vereinssystemen etabliert wird. Sie ist eine Pionierin, den Frauenfußball in die Entwicklungsprojekte der FIFA, der Bundesrepublik und der UEFA zu bringen und damit für Gleichberechtigung, Emanzipation und Selbstbestimmung von Frauen einzutreten.

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