Afghanistan

Tunnelblick, Schockstarre und Haltung bewahren

An unserer Berufsfachschule Paulo Freire lernen viele junge Menschen, die mit ihren Familien oder unbegleitet aus Afghanistan geflohen sind. Sie machen ihren Schulabschluss nach, werden im Pflegebasiskurs qualifiziert oder durchlaufen eine Ausbildung zur Sozialassistenz. Gleichzeitig spitzt sich die Situation in ihrer Heimat zu, wo viele ihrer Angehörigen wohnen. Gewalt, Bedrohung, Ängste, Fluchtversuche – die Situation bleibt täglich im Fokus der Weltöffentlichkeit. Wie es den jungen Schüler*innen damit geht, berichtet Fachbereichsleiterin Anne Krüger. 

Wie wirken sich die Ereignisse in Afghanistan auf die Situation in der Schule aus?

Wir haben in jeder Klasse Schülerinnen und Schüler afghanischer Herkunft. Sie sind aktuell extrem im Tunnel und gar nicht so richtig hier… Die jungen Leute versuchen, ihre Haltung so gut es geht zu bewahren. Das gelingt manchen besser und manchen schlechter.

Was bekommst Du von Einzelnen mit? 

Als Klassenleitung kann ich die individuelle Situation der afghanischen Schülerinnen und Schüler meiner Klasse beobachten. Ich bekam beispielweise einen Schüler mit, der draußen stand und in Kontakt mit Unterstützenden war. Sie versuchen gerade einen Angehörigen aus Afghanistan herauszubekommen, um den er sich riesengroße Sorgen. Um einen anderen Schüler haben wir uns sehr gesorgt. Er hatte nach mehreren Jahren Trennung in den Sommerferien seine Familie besucht und bei uns einen Antrag gestellt, eine Woche länger bleiben zu können. Er war bis kurz vor knapp vor Ort und saß in einem der letzten regulären Flüge. Zum Glück ist er gesund wieder hier. Eigentlich wundere ich mich, dass die allermeisten der betroffenen Schüler und Schülerinnen überhaupt täglich hier sind. Aber die Schule gibt ihnen auch Struktur, Ablenkung und es sind andere Menschen um sie herum. 

Sprecht Ihr das Thema im Unterricht an?

Manche Schüler und Schülerinnen möchten reden, manche möchten nicht reden, aber allen merkt man an, dass sie sehr mitgenommen sind. Wir können die aktuelle Situation ein Stück weit thematisieren, aber ich überlege, inwieweit wir in der Lage sind, das aufzufangen. Einige halten das nicht aus, da kommt ganz viel hoch, die Traumata, die diese jungen Menschen erlebt haben. Hier bedarf es professioneller Unterstützung von außerhalb des Schulbetriebes.

Welche Erfahrung habt Ihr gemacht dabei?

Für eine Schülerin war es zu viel, als wir das Thema im Unterricht besprochen haben. Sie ist in eine Art Schockzustand geraten, war nicht mehr ansprechbar und musste von einer ärztlichen Kollegin aus der Ambulanz des Zentrum ÜBERLEBEN behandelt werden. In diesem Fall kenne ich Einiges von den Hintergründen. Sie hat als Kind in Afghanistan bereits sehr schlimme Dinge erlebt und macht sich unheimlich große Sorgen um ihre Familie, die noch dort ist. 

Aber die meisten schaffen das, dem Unterricht zu folgen? 

Zum Teil. Für die Schülerinnen und Schüler ist die aktuelle Situation etwas ganz Großes und Dramatisches und gleichzeitig sind sie sowieso immer belastet. Es hat mich sehr betroffen gemacht, was ich in diesen Tagen gehört habe. Eine Schülerin aus dem Irak sagte es so: „Das mit dem Sterben und mit dem Töten, das ist für uns normal. Wir haben das in unserer Kindheit und Jugend so erlebt, solange wir dort gewesen sind. Für uns war das wie Wassertrinken“

Diese jungen Menschen haben also auch gelernt, die Fassade aufrecht zu erhalten, im Unterricht dabei zu sein und die Ausbildung durchzuziehen. Ich mache mir eher Sorgen, dass Mehrere bald zusammenbrechen, das kann durchaus passieren: weil es alles so unsicher ist, weil sie wissen nicht, was in den nächsten Wochen und Monaten mit ihren Familien passieren wird. Sie haben die allerschlimmsten Befürchtungen, die ja leider realistisch sind. 

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25.08.2021