Traumatisierte Patient*innen während der Corona-Krise

Interview: Ängste und Verunsicherung nehmen zu

Unsere Patient*innen sind durch die Maßnahmen, die während der Corona-Krise ergriffen werden, sehr belastet. Das ZÜ muss sich an die neuen Umstände anpassen. Raphaela Deichmann und Nicole Safosnik berichten über die aktuellen Herausforderungen in ihrer Arbeit als Sozialarbeiterinnen.

Wie schwierig ist die aktuelle Situation für Eure Patienten*innen?

Viele Patient*innen belastet es sehr, dass sie keine regelmäßigen Termine mehr bei uns im Zentrum wahrnehmen können. Sie leiden unter einer Symptomatik, die es ihnen umso schwerer macht, Zuhause zu bleiben, den Tag zu strukturieren und sich mit sich selbst zu beschäftigen, da ja auch Sprachkurse oder andere Maßnahmen nicht mehr stattfinden sowie Schulen geschlossen bleiben. Die Situation ist für sie ganz besonders herausfordernd. Es gibt keinerlei Rückzugsorte für sie, wenn die gesamte Familie in einer kleinen Wohnung oder in einem Zimmer im Wohnheim von morgens bis nachts zusammen ist.
Dazu kommt, dass Home-schooling für viele Kinder kaum machbar ist. Die meisten besitzen keinen Computer und es fehlt an Ausstattung, um digital den Unterricht weiterführen zu können. Vor allem in den Unterkünften gibt es kaum stabile Internetverbindungen.

Was bekommt Ihr mit, was die Corona-Krise bei geflüchteten Menschen ausgelöst hat?

Viele Patient*innen wissen noch nicht, wann und wie die Behörden arbeiten, ob sie die Termine beim Landesamt für Flüchtlingsangelegenheiten/LAF und der Landesamt für Einwanderung/LEA wahrnehmen sollten und können. Sie sind verunsichert, weil das Aufenthaltsdokument, die Aufenthaltsgestattung oder die Duldung abläuft und wie sie an ihre Leistungen kommen, wenn die Behörden eingeschränkt arbeiten. Das war vor allem für diejenigen ein großes Problem, die kein Bankkonto besitzen. Mittlerweile ist es klarer, wann Leistungen ausgezahlt werden. Doch im Falle von verschärften Ausgangskontrollen muss man hier noch umorganisieren.
Die Aussetzung wichtiger Termine und Entscheidungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge/BAMF ist natürlich für viele ein sehr großer Stressfaktor. Das Warten, das im Asylprozess schon für meisten Menschen eine Herausforderung ist, wird wieder verlängert. Außerdem ist noch völlig unklar, wie die weitere Verfahren ablaufen werden.
Für einige Menschen ist auch der Familiennachzug zum Stillstand gekommen und sie machen sich große Sorgen um ihre Angehörigen in den Herkunftsländern und oder in den überfüllten Flüchtlingscamps an den Europäischen Außengrenzen. Da durch die katastrophalen hygienischen Bedingungen in den Lagern die Menschen dort einer drohenden Infektionsgefahr schutzlos ausgesetzt sind.

Welche Probleme ergeben sich für die Menschen aktuell?

Die Angst und Unsicherheit, in die Wohnungslosigkeit zu rutschen, ist in Zeiten von Corona noch größer als vorher. Aus der Beratung und Behandlung kennen wir ein älteres Ehepaar, das Ende des Monats seine Wohnung verlassen soll. Die beiden befinden sich schon seit langem auf Wohnungssuche, was ja in Berlin sehr schwierig ist. Durch die Corona-Krise spitzt sich das jetzt zu. Es werden kaum noch Wohnungsbesichtigungen angeboten und es kann sein, dass  beiden wieder gezwungen sind, in einer Wohnungslosenunterkunft unter zu kommen ohne eigene Küche und Bad.
Wir haben noch ein anderes Beispiel von einer Familie, die Ende des Monats aus ihrer Unterkunft ausgezogen sein muss. Sie kann zwar eine Wohnung anmieten, muss diese jedoch komplett selbst ausstatten. Sie bekamen zwar ein Budget für die Erstausstattung, wobei der Betrag eher gering ausfällt. Damit kann man sich nicht alle Möbel neu kaufen und liefern lassen. Die andere Option ist, die Einrichtung gebraucht zu besorgen oder sich in Sozialhäusern zu suchen. Das ist aber aktuell fast unmöglich, weil alle mitarbeitenden in solchen Einrichtungen und auch Ehrenamtliche Kontakte reduzieren müssen. Von dieser Familie kann aber niemand einen Transporter mieten bzw. fahren. Wie sollen sie das ohne Unterstützung schaffen?
Einschneidend ist es auch, dass Deutschkurse, Maßnahmen und teilweise Ausbildungen unterbrochen werden. Das kann gravierende Folgen für (geflüchtete) die Menschen haben. Eine lang gehegte Hoffnung, ein schwer erkämpfter Ausbildungsplatz oder die Aussicht auf eine Stelle ist mit einem Schlag zunichte.

Was erleben Eure Klient*innen, die in Unterkünften wohnen, momentan?

Für sie ist es kompliziert oder fast unmöglich, unsere telefonische Beratung wirklich in Anspruch zu nehmen. Ein Patient erzählte, dass er seine Probleme nicht zur Sprache bringen kann, weil es keinerlei Privatsphäre gibt. Ein anderer Patient stand in der Kälte vor der Tür, um mit uns über alles reden zu können. Unter diesen Umständen lässt sich Datenschutz nicht mehr sicherstellen. Gleichzeitig werden stabilisierende Krisengespräche mit Therapeut*innen oder ärztlichen Mitarbeiter*innen umso dringlicher, insbesondere wenn jemand unter Quarantäne gestellt wird.
Wir hatten auch den Eindruck gewonnen, dass es in den Wohnheimen  widersprüchliche Informationen, Unkenntnis und Intransparenz vorherrschen und Bewohner*innen verunsichern. Bei einer Patientin von uns ist tagelang davon ausgegangen, dass sie sich in ihrem Zimmer isolieren soll, was sie gemacht hat. Danach hat sie erfahren, dass nicht sie gemeint war, sondern andere Bewohner*innen in ihren Zimmern bleiben sollten. Es verdichten sich auch die Indizien, dass Menschen ohne Zugang zu validen Informationen unter Quarantäne gestellt werden. Das ist besonders problematisch, weil häufig Bewohner*innen in Unterkünften und viele unserer Patient*innen Gewalt und Folter durch staatliche Akteure wie Polizei, Militär oder Milizen erfahren mussten oder inhaftiert gewesen waren. Wenn dann Quarantäne mit Hilfe der Polizei durchgesetzt oder kontrolliert wird, ist die Gefahr einer erneuten psychischen Destabilisierung ziemlich groß.

Was bekommt Ihr von Patient*innen mit, die alleine wohnen?

Sie haben zwar ihre Privatsphäre, müssen aber alleine mit der Flut an Informationen über Corona-bedingte Maßnahmen klarkommen, die sich ja dauernd ändern können. Wenn ihre Sprachkenntnisse nicht ausreichen, ist das eine große Überforderung. Eine Patientin von uns mit psychischen Problemen sitzt jetzt von der Welt abgeschnitten Zuhause, mit Ängsten, ohne Unterstützung und ruft täglich bei uns an. Sie gehört zur Risikogruppe und lebt mit ihrem schwer beeinträchtigten Sohn, der ebenfalls zur Risikogruppe gehört. Die Schule wie auch Werkstatt für beeinträchtigte Menschen sind geschlossen. Eigentlich hätte die Frau Anspruch auf Familienhilfe, doch im Zuge eines Trägerwechsels gab es Problem und niemand ist vor Ort.  Auch eine ehrenamtliche Helferin musste sich wegen Corona zurückziehen. Ihre Außenkontakte laufen nur noch über digitale Medien. Gleichzeitig war auch sie sehr verunsichert, weil sie nicht wusste, ob Termine beim Landesamt für Flüchtlinge/LAF und bei der Ausländerbehörde/ABH hatte stattfinden. Wir konnten das alles mit ihr telefonisch klären und sorgen für Entlastung, Austausch, Stabilisierung und Aufklärung.

Wie kommen Familien klar?

Die Menschen leben jetzt in der Regel sehr beengt. Ein Patient berichtete mir, dass sich alle seine zehn Kinder ständig in einer Drei-Zimmer-Wohnung aufhalten. In so einer Situation den Berg an Schulaufgaben zu bewältigen und sich zu strukturieren, ist fast ein Ding der Unmöglichkeit. Eltern, die selbst noch Deutsch lernen, können häufig nicht helfen. Da auch ihre Deutschkurse nicht stattfinden, müssen auch Eltern jetzt Hausaufgaben machen und das könnte ja alle etwas zusammenschweißen!

Welchen Stellenwert nimmt die Aufklärung über Infektionsschutz in Eurer Arbeit ein?

Seit mehreren Wochen klären wir unsere Patient*innen systematisch über Covid 19 auf. Wir haben uns bewusst zu Beginn der Krise viel Zeit genommen, über Symptome, Hygiene und Prävention ganz persönlich zu sprechen. Wir informieren über Umgangsformen, damit die Leute Abstand halten, keine Hände schütteln und Hygienebestimmungen umsetzen. Als die Schulen und Kitas geschlossen wurden, haben wir unsere Termine langsam reduziert. Jetzt klären wir telefonisch auf – und der Bedarf ist bis zum heutigen Tag sehr groß. Bei Patient*innen ohne Lesefähigkeit läuft diese Aufklärung über eine Telefonkonferenz mit Sprachmittlung. Das funktioniert soweit sehr gut und wir können den Kontakt zu unseren Patient*innen auf diese Weise aufrechterhalten.
Neben Infektionsschutz informieren wir auch über die aktuellen Ausgangsregelungen. Wir haben den Eindruck, dass  Patient*innen immer wieder falsch informiert sind, weil im Netz viele „fake news“ verbreitet werden. Einige sind beispielsweise davon ausgegangen, dass sie das Haus unter keinen Umständen verlassen dürfen.
Seriös und hilfreich für die Menschen sind übrigens die Informationen des Berliner Flüchtlingsrates, des Berliner Senats, Handbook Germany, Yaar e.V. und des BEMA, des Berliner Beratungszentrum für Migration und Gute Arbeit. Sie sind mehrsprachig aufbereitet, stehen zum download bereit und werden ständig aktualisiert werden. Allerdings sind diese Informationen nur in weitverbreiteten Sprachen zugänglich und Analphabeten fallen da natürlich heraus. Wenn wir angefragt werden, schicken wir auch Informationsmaterial in verschiedenen Sprachen an interessierte Einrichtungen.

Reagieren Patient*innen auch gelassen in der aktuellen Situation?

Ja, einige Patient*innen betonen, dass sie in ihrem Herkunftsland oft viel schlimmere Situationen überlebt haben. Das ist jedoch nicht zu verallgemeinern, sondern jede und jeder Einzelne entwickelt unterschiedlich Umgangsmechanismen. Sollten sich die Krise verschärfen und ganze Unterkünfte unter Quarantäne gestellt werden, dann bedarf es einer guten psychosozialen Begleitung.

> Informationen zur aktuellen Lage des ZÜ in Zeiten von Corona