Patient*innengeschichte

Die Hölle in den Folterkellern: Ebrahims Geschichte

Ebrahims* Geschichte geht unter die Haut. Sie erzählt von einem Menschen, der durch die Hölle gegangen ist. Er muss in ganz kleinen Schritten sein Leben neu aufbauen. Unsere Kolleg*innen, die therapeutisch arbeiten, Sozialarbeit machen oder dolmetschen, unterstützen ihn dabei. Der Respekt gebührt Menschen wie Ebrahim, die es schaffen, ganz langsam zum Leben zurückzufinden.

Ebrahim ist Ende zwanzig, da erreicht er Deutschland nach der Flucht aus Syrien und meldet sich nach ein paar Monaten beim Zentrum ÜBERLEBEN. Der junge Mann leidet unter Schlafstörungen, Albträumen und Kontrollverlust in zahlreichen Alltagssituationen, in denen er auf einmal am ganzen Körper zittert oder einen Weinkrampf bekommt. Er erlebt einen unerträglichen inneren Druck, eine übergroße Anspannung und ist zutiefst erschöpft – todesmüde. Die Vergangenheit lässt ihn nicht los: wieder und wieder durchleidet er in Gedanken, wie er in den geheimdienstlichen Verhörzentren des Assadregimes monatelang verhört und gefoltert wurde. Geräusche, Gerüche oder Erinnerungen des eigenen Körpers lösen dieses massive und unkontrollierbare Wiedererleben der Qualen und Szenen aus. In der Fachsprache wird das „Flashback“ genannt, unter denen Menschen mit PTBS, der posttraumatischen Belastungsstörung, leiden.

Die Beziehung zu seinen Eltern, die vor ihm nach Berlin geflüchtet waren, hat er gekappt – auch eine Konsequenz der brutalen Folter. Er macht ihnen schwere Vorwürfe, dass er für ihre regimekritischen Aktivitäten büßen musste, obwohl er ein unauffälliger Student der Betriebswirtschaft in Damaskus gewesen war, unpolitisch und auf seine Karriere konzentriert. Dagegen hatten sich seine Eltern bereits vor seiner Geburt für Demokratie und gegen die Unterdrückung der Kurden im Land eingesetzt. Auch hat der Vater, ein Elektro-Unternehmer aus der Hauptstadt, bereits für mehrere Jahre im Gefängnis gesessen, hatte aber nie viel darüber erzählt. Nachdem die Eltern massiv bedroht worden waren und in letzter Minute fliehen konnten, durfte sich der Sohn in keine Uni-Kurse mehr einschreiben und wurde kurz danach verhaftet. Niemand hatte sich vorstellen können, was für Qualen Ebrahim im Weiteren erleiden musste – es war die Hölle auf Erden.

Bereits am ersten Tag wurde der junge Mann nackt an die Wand gestellt, angeschrien und geschlagen. Man drohte, ihn zu vergewaltigen. Die Folterer trieben ihre Spiele mit ihm. Wochenlang dasselbe Schema: drei Mal am Tag Essen, drei Mal am Tag Toilette, drei Mal am Tag Verhöre und Folter. Ebrahim wurde an den Armen aufgehängt und mit Elektrokabeln ausgepeitscht. Häufig drohten die Folterer damit, ihn zu töten. Einmal wurde er so brutal zusammengeschlagen, dass er ohnmächtig und mit starken Blutungen im Gefängniskrankenhaus lag. Nachdem er wieder gehen konnte, ging alles von vorne los. Ebrahim überlebte einen Suizidversuch und kam eines Tages unerwartet frei. Durch den Verkauf des Elternhauses konnten er und seine Schwester Schlepper für seine Flucht nach Berlin bezahlen.

In Deutschland versucht er weiter zu studieren, doch bewältigt er fast nichts mehr. Er lebt von der Welt entfremdet, sucht Halt in einer Beziehung und behandelt sich seit seiner Flucht zur Beruhigung mit Cannabis. Ihn quälen die Erlebnisse in den Folterkerkern und seine eigenen Schuldgefühle, dass er Namen von Bekannten preisgegeben und Tatzusammenhänge erfunden hatte. In der Traumatherapie im Zentrum ÜBERLEBEN, die bisher 77 Sitzungen umfasst, wird der PTBS-Patient unterstützt, damit er seinen Alltag und seine Aufgaben wieder bewältigen und den Konsum von Cannabis beenden kann. Er erhält eine antidepressive Medikation und nimmt die Angebote im ZÜ wahr, um besser Deutsch zu lernen und neue soziale Kontakte aufzubauen. Obwohl er engagiert in der Therapie mitmacht, fällt er regelmäßig zurück in die Vergangenheit und in das Gefühl, nichts zu sein, nichts zu können und keinerlei Perspektive zu haben. Die Therapeutin erarbeitet Schritt für Schritt mit ihm, wie er den Blick in die Zukunft richten und wieder in Kontakt mit sich selbst kommen kann. Nach zwei Jahren Therapie ist der junge Syrer nicht geheilt, aber er hat sein BWL-Studium wieder aufgenommen und es geht ihm besser. Zu seinen Eltern kann und will er weiterhin keinen Kontakt haben. Er wünscht sich eine Zukunft in Deutschland.

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