Newsletter 1/2019 – Titelthema

Kein Weg zurück

Im Zentrum ÜBERLEBEN sehen wir, dass immer mehr Patient*innen nicht nur durch Kriegsgewalt und Folter in ihren Heimatländern traumatisiert sind. Auch die Fluchterfahrungen sind traumatisch. Lebensgefährliche Bootsüberfahrten spielen dabei eine große Rolle. Seit die Rettungseinsätze verschiedener Organisationen wie Sea-Watch oder Sea-eye systematisch blockiert werden, ist die Flucht noch gefährlicher geworden. Es fehlt an legalen Fluchtrouten und politischem Willen.

Durchschnittlich sechs Menschenleben werden auf dem Mittelmeer ausgelöscht– jeden Tag. Und das ist nur die zu ermittelnde Zahl. Von den meisten Opfern erfahren wir vermutlich nichts, weil ihre Boote nicht entdeckt, ihre verlorenen Leben nicht gezählt werden. Doch auch die offiziellen Statistiken zeigen: Die Flucht über das Mittelmeer wird immer gefährlicher. Es sind verzweifelte Männer, Frauen und Kinder, die sich meist von Libyen aus auf die lebensgefährliche Überfahrt begeben. Ihre Boote sind notdürftig zusammengeflickt und völlig überfüllt. Trotzdem sind sie für viele die einzige Hoffnung. Sie fliehen vor libyschen Foltergefängnissen, Versklavungen, Misshandlungen, Vergewaltigungen, vor Krieg und Verfolgung in ihrem Heimatland. Sie fliehen vor dem Tod. Viele sind zu diesem Zeitpunkt schon seit Jahren unterwegs. Einen Weg zurück gibt es für sie nicht. Sie würden lieber ertrinken, als zurückzugehen.

Im Zentrum ÜBERLEBEN hören wir zahllose Geschichten wie diese und praktisch alle Patient*innen, die über das Mittelmeer kamen, sind komplex traumatisiert. Häufig leiden sie unter Angstzuständen, Flashbacks, Schlafstörungen und Depressionen. Sie haben jegliches Zutrauen in andere Menschen verloren, sind in ihrem eigenen Menschsein zutiefst erschüttert. Im Zentrum erhalten sie therapeutische, medizinische und soziale Hilfen, um langsam wieder Vertrauen aufzubauen und zur Ruhe zu kommen. Nicht selten dauert es Jahre, bis sie wieder zu einem eigenständigen Leben in der Lage sind.

Besonders schutzbedürftige Geflüchtete, zu denen auch Traumatisierte gehören, haben das Recht auf Sicherheit, einen schnellen Zugang zu gesundheitlicher Versorgung und die Berücksichtigung ihrer Bedarfe im Asylverfahren. Ihre Gesundheit wird durch das systematische Aufhalten der Rettungsschiffe, auf denen die Menschen teilweise wochenlang ausharren müssen, zusätzlich gefährdet. Dieser Zustand verstößt gegen das Seerecht, die Genfer Flüchtlingskonvention und gegen selbst auferlegtes EU Recht.

Das Zentrum ÜBERLEBEN setzt sich dafür ein, dass Menschen, die von Folter, Flucht und Kriegsgewalt traumatisiert sind, in Europa eine sichere Zuflucht finden und hier ein faires Asylverfahren erhalten.

> Print-Newsletter 1/2019 mit allen Artikeln auf einen Blick
> Online-Ansicht des E-Mail-Newsletters
> Anmeldung zum E-Mail-Newsletter

 

Foto: Fabian Melber