Fallgeschichte

Das Wiedererleben des Schrecklichen

Die Flucht habe ihn tief erschüttert, sagt Ousman*. Er habe erlebt, wie Menschen Gewalt angetan wurde, wie sie nachts geschrien haben im libyschen Lager oder vom Boot gestoßen wurden im Mittelmeer. In Italien habe er sich gefühlt, „wie ein Hund an der Leine“. Die Geschichte von Ousman, einem unserer Patienten der Erwachsenenambulanz, ist die Geschichte einer Traumatisierung auf der Flucht.

Ousman ist einer derjenigen, der aus sogenannten wirtschaftlichen Gründen aus seinem Heimatland Gambia geflohen ist. Damals ist er dreizehn Jahre alt und macht eine Ausbildung. Was hierzulande ein kleiner Haftpflichtfall wäre, entwickelt sich für ihn zum Schicksalsschlag, weil ihm teures geliehenes Werkzeug aus Versehen kaputt geht. Er muss vor den Anfeindungen und Morddrohungen der Besitzer:innen fliehen. Ob es noch andere Gründe gibt, weiß seine Therapeutin bisher nicht. Seitdem hat der mittlerweile 17-Jährige seine Familie nicht mehr wiedergesehen und eine Flucht erlebt, die ihn innerlich nicht mehr loslässt.

Die Therapeutin im Zentrum ÜBERLEBEN muss viel Geduld mit Ousman haben, denn der Teenager spricht sehr schlecht Deutsch. Er zeigt typische Symptome einer Posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) und ist in seiner Aufmerksamkeit beeinträchtigt: Ousman liegt tagsüber traurig auf seinem Bett, kann keine Menschen ertragen, manchmal hat er Angstattacken. Die Schreckensbilder der Vergangenheit – wie sein Freund im libyschen Lager ums Leben gekommen ist – mischen sich in seine Gegenwart. Nachts kann er kaum einschlafen. Gelingt es ihm, wird er kurz danach von immer denselben Bildern geweckt, schweißgebadet und schreiend. Das Schlafdefizit macht ihn mürbe, reizbar und lustlos.

Die Flucht, die ihn traumatisiert hat, arbeitet die Therapeutin mühevoll mit Ousman auf. Sie führt den 13-Jährigen durch Mali, Burkina Faso und Niger, wo er sich mit Gelegenheitsjobs durchschlägt. Nach einer hart ersparten LKW-Fahrt findet er sich, statt im versprochenen libyschen Paradies, in einem libyschen Lager wieder, in dem 200 Menschen auf engstem Raum irgendwie überleben. Hier beginnen die Schrecken, die sich in Ousmans Seele eingegraben haben: Menschen werden willkürlich angeschossen oder getötet – auch sein Freund. Frauen werden immer wieder vergewaltigt – ihre Schreie hat er nicht vergessen. Es gibt zu wenig zu essen, die quasi Gefangenen müssen arbeiten und ihre Angehörigen im Heimatland werden erpresst. Wenn diese nicht mehr zahlen können, vollzieht sich ein „Verkauf“ ins nächste Lager.

Nachdem Ousman fünf Lager überlebt, gelingt ihm die Flucht. Irgendwann befindet er sich im Boot nach Italien. „Uniformierte Banditen eines großen Bootes“, wie Ousman mutmaßlich die libysche Küstenwache beschreibt, bedrohen die Bootsinsassen und reißen Einzelne über Bord. Menschen ertrinken vor seinen Augen. Die Navigation per Handy funktioniert nicht. Benzin läuft aus, es bricht Streit und Panik aus und Menschen werden über Bord gestoßen, darunter auch Freunde von Ousman.

Nach der Rettung durch eine Hilfsorganisation ist die „Todesangst vor dem großen Wasser“ vorbei, dafür beginnt sein Leiden unter den harten Regeln und Bedingungen in einem italienischen Lager. Die Bewohner:innen dürfen raus, Besucher:innen nicht hinein. Das Essen ist schlecht, reicht nicht und es kommt zu vielen Konflikten, auch mit der Security. Es gibt kaum Freizeit- oder Bildungsangebote. Ousman fühlt sich „wie ein Hund, der mit einer Leine angebunden wurde“. Er kann eines Tages abhauen und schlägt sich bis nach Deutschland durch.

In Berlin lebt er in einer betreuten Wohngemeinschaft und probiert viel: Deutschkurse, Willkommensklasse, Schule, Praktika, Freizeitangebote. Doch die Bilder und das „Wiedererleben des Schrecklichen“ erreichen ihn plötzlich und heftig. Er kann sich zu nichts aufraffen, was die Therapeutin auch als Vermeidungsverhalten deutet: nur kein Risiko mehr eingehen. Gleichzeitig leidet er unter einem sogenannten Hyperarousel und ist schnell erregbar. Für seine Freunde ist es oft kein Spaß mit ihm, sagt Ousman, der weder richtig lachen noch locker sein kann. Trotzdem hat er Freunde und steht in engstem Kontakt mit seinen Eltern.

„Einen Lichtblick gibt es“, meint die Therapeutin, die sich in der ersten Phase der Zusammenarbeit mit ihm befindet. „Ousman hat ganz reale Ziele, die er er- reichen möchte: weniger Sorgen, besser schlafen, Deutsch lernen, einen Ausbildungsplatz finden und einen freien Kopf haben. Das ist gut so. Mit etwas Unterstützung wird er die Ziele erreichen können.“


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