Psychotherapie in der Erwachsenenambulanz

Wie unsere Patient*innen die Krise erleben

Während der Corona-Krise müssen die Patient*innen der Ambulanz in einer zumeist sehr beengten Wohnsituationen daheimbleiben. Durch die Kontaktbeschränkungen bricht ihre Tagesstruktur weg, was für schwer traumatisierte Menschen besonders gravierend ist. Assistenzärztin und Psychotherapeutin Manuela Steigemann (in Ausbildung) und psychologische Psychotherapeutin Nicola Klambt (in Ausbildung) berichten von diesen Herausforderungen.

In welcher Verfassung habt Ihr die Patient*innen während der aktuellen Krise bisher erlebt?

Nicola Klambt: Ich bin viel mit Ängsten der Patient*innen konfrontiert. Das sind Ängsten davor, dass sich die deutsche Gesellschaft in der Krise gegen Geflüchtete richten könnte, sie auf der Straße irgendwelchem Hass ausgesetzt sein könnten, weil hierzulande Ressourcen wie Krankenhausbetten knapp werden. Die Patient*innen machen sich auch um ihre Familienmitglieder in anderen Ländern Sorgen, wo die Gesundheitsversorgung viel schlechter ist.

Manuela Steigemann: In der Corona-Krise sind alle verunsichert und niemand weiß, wann das normale Leben wiederbeginnt. Diese Situation steigert bei unseren Patient*innen eine Unsicherheit, die vorher schon da war und lässt die Fragen größer werden, die sie unentwegt beschäftigen: wann sie einen sicheren Aufenthalt bekommen und ein normales Leben beginnen können. Das steigert sich aktuell zu einer Perspektivlosigkeit und führt teils zu einer Zunahme von vorbestehenden Symptomen wie Depressivität, Angst, Anspannung und Ärger. Doch die Reaktionen auf die aktuelle Situation sind ganz vielfältig, so vielfältig wie die Patient*innen sind.

 Nicola Klambt: Einigen Patient*innen geht es auch ganz gut damit. Sie sagen, dass sie schon viel Schlimmeres wie Krieg und Gewalt überstanden haben. Sie erleben die Entlastung als etwas Positives, weil sie jetzt nicht sechs Kinder an verschiedene Schulen bringen, zum Sprachkurs hetzen oder zu einer Behörde gehen müssen. Sie erleben die Phase als Schonzeit, die sie nie gehabt haben, seitdem sie in Deutschland angekommen sind. Nach nun fast eineinhalb Monaten verändert es sich langsam und die Leute wollen gerne wieder ihren Alltag bewältigen und etwas lernen.

Leiden Eure Patient*innen auch unter der Angst, sich in den Wohnheimen selbst anzustecken?  

Manuela Steigemann: Bei einigen Patient*innen stelle ich in jedem Fall eine Angst fest, sich in dieser Enge anzustecken. Ich erlebe gleichzeitig auch Mitgefühl mit erkrankten Menschen. Durch die Gespräche habe ich erfahren, dass der Umgang mit infizierten Mitbewohner*innen ganz unterschiedlich ist. Manche werden einfach in ihren Räumen belassen, sollen sich an die Zimmerquarantäne halten und haben Gesunde direkt als Nachbarn nebenan. Da es nur Gemeinschaftsbäder und Gemeinschaftsküchen gibt, kann Quarantäne auf diese Weise nicht funktionieren. Teilweise wird in den Heimen auch versucht, etagenweise zu trennen und das damit eher zu ermöglichen.

 Nicola Klambt: Ja, viele Patient*innen haben große Angst sich anzustecken und isolieren sich großteils mehr als nötig. Es ist allerdings ein echtes Problem, sich rundum die Wohnheime in den Parks zu bewegen und gleichzeitig Abstand zu halten. Die Menschen befürchten, dass sie ablehnend gegenüber Bekannten und Freund*innen wirken könnten, vermeiden diese Situation und gehen erst gar nicht hinaus. Social distancing wird als Stigmatisierung der anderen interpretiert. Das ist eine echte Gradwanderung für die Menschen, sich zu isolieren und gleichzeitig nicht ausgrenzend auf die Gemeinschaft zu wirken.

Zu Beginn der Krise war noch offen, ob und wie die Therapie weitergeführt werden kann. Wie wird nun verfahren?

Manuela Steigemann: Ja, zu Beginn der Krise gab es eine Anspannung bei den Patient*innen wie auch bei mir, weil nicht klar war, wie wir das organisieren werden. Nach der Umstellung auf regelmäßige Telefonkonferenzen mit Dolmetscher*innen in psychotherapeutischer Form waren wir alle wieder ruhiger. Die Patient*innen waren ja vorher schon dankbar, im ZÜ überhaupt eine Therapie beginnen zu können. Dass diese dann in der aktuellen Krise auch fortgesetzt wird, wir den Kontakt halten und ich jede Woche für sie da bin, dazu habe ich viele dankbare Äußerungen zurückbekommen.

Nicola Klambt: Ich erlebe das auch so und mir wird eine extreme Dankbarkeit entgegengebracht. Die Leute befinden sich oft in einer kompletten Isolation und haben kaum mehr gesellschaftlichen Kontakt, es gibt keinen Sprachkurs mehr, die Menschen müssen nicht mehr zu irgendwelchen Behörden, sondern bewegen sich nur noch in ihrer Kernfamilie. Der Dolmetschende und ich sind häufig die einzigen Außenkontakte für sie.

Manuela Steigemann: Es war auch wichtig, dass ich in den Gesprächen über die Corona-Epidemie und die ganzen Maßnahmen, die empfohlen wurden, aufklären und Angst nehmen konnte. Es gab beispielsweise auch Patient*innen, die hatten vorrangig Angst um ihre Kinder und haben sie nicht mehr nach draußen gelassen. Das konnte ich zurechtrücken, damit die Kinder wieder hinauskommen.

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Foto: Marcos Mesa Sam Wordley/shutterstock.com