Interview

Quälende Sorgen um Angehörige in Afghanistan

Die Ereignisse in Afghanistan überschlagen sich. Das ist überall im Wohnverbund für Migrantinnen im Zentrum ÜBERLEBEN spürbar, in dem auch Frauen mit afghanischem Hintergrund betreut werden. Die Sorgen um gefährdete Angehörige sind kaum zu ertragen, Schlafprobleme nehmen zu, sagt die psychologische Psychotherapeutin Franziska Maul im Interview.

Wie spürbar ist im Wohnverbund, was gerade in Afghanistan passiert?

Ich habe das Gefühl, dass die Ereignisse der letzten Tage alle beschäftigen und betroffen machen, auch die Mitarbeiterinnen, die Sprach- und Kulturmittlerinnen und  – in einem ganz besonderen Ausmaß – von uns betreute Frauen aus Afghanistan sowie Frauen, deren Familienangehörige wie Brüder, Schwestern oder Eltern in Afghanistan leben

Wie reagieren diese Frauen seit dem Abzug der Truppen in den letzten Wochen und der Einnahme der Städte durch die Taliban?

Die Patientinnen sind erschüttert von der aktuellen Situation und den Bildern, die es darüber gibt. Sie versuchen ihre Familien zu erreichen. Bei einigen ist der Kontakt schwer möglich oder abgebrochen. Die meisten Betroffenen klagen über Ängste, Schlafstörungen, also über Ein- und Durchschlafstörungen sowie über Grübelgedanken. Sie sind traurig und verzweifelt und haben große Angst, wie sich die Lage für ihre Familien und für das Land in Zukunft entwickeln wird.

Natürlich sind einige Frauen durch ihre Sorgen um Angehörige schon im Zuge der Corona-Pandemie und der schlechten medizinischen Versorgung vor Ort belastet gewesen.

Haben die betroffenen Frauen Hilfe bei Bezugsbetreuerinnen oder Therapeutinnen gesucht?

Ja, Kolleginnen wurden angeschrieben oder angerufen mit der Bitte um Hilfe und Informationen. Bei mir wurde eher der Bedarf nach Gesprächen und Austausch geäußert. In den Gesprächen wurde deutlich, wie groß die Desillusionierung und die Gefühle von Ohnmacht und Hilflosigkeit sind.

Wie könnt Ihr den Frauen professionell helfen?

Als Psychotherapeutin kann ich meinen Klientinnen zuhören. Ich kann die Situation mit einer Klientin gemeinsam aushalten, und einen Raum geben, über eigene Gefühle und Sorgen zu sprechen. Aber ich kann natürlich an den Umständen nichts ändern. Die Betroffenen erleben häufig Schuldgefühle darüber, dass sie hier in Sicherheit sitzen, während ihre Angehörigen bedroht sind. Diese Schuldgefühle gilt es zu bearbeiten und abzubauen. In solchen schwierigen Wochen ist Selbstfürsorge wichtig und auch gemeinsame Aktivitäten, um Kraft zu tanken. In diesem Sinne war der heutige Ausflug in die Gärten der Welt in Marzahn hoffentlich hilfreich.

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