Interview

Wenn Dolmetschen die Seele strapaziert

Fast alles, was im Zentrum ÜBERLEBEN in Erstkon­takten, Therapien, Gruppensitzungen und Beratungen passiert, ist nur mit der Unterstützung durch Dolmet­schende möglich. Bis ins kleinste Detail übersetzen unsere Kultur­ und Sprachmittler*innen in der „Ich­Person“ Biografien, traumatische Ereignisse, Symptomschilderungen, Befinden und (Des­-)Orientierung in der aktuellen Lebenssituation. Aus dieser täglichen praktischen Arbeit ist das For­schungsprojekt „Psychische Belastungen von Dolmet­schenden in der Arbeit mit geflüchteten Menschen“ entstanden. Angelika Geiling beschäftigt sich mit dieser Frage im Rahmen ihrer Promotion am Zentrum ÜBERLEBEN und an der Freien Universität Berlin.

Welche Rolle spielt die Arbeit von Dolmetschenden im Zentrum ÜBERLEBEN?

Dolmetschende werden mittlerweile im ZÜ Kultur- und Sprachmittelnde genannt und vermitteln neben der reinen Übersetzungsarbeit auch kulturelle Aspekte. Viele der Dolmetschenden haben einen ähnlichen kulturellen Hintergrund wie unsere Patient*innen und sind häufig mit die Ersten, die in den Therapiesitzungen von traumatischen Inhalten erfahren und diese in ICH-Form übersetzen. Da diese Arbeit zu einer psychischen Belastung auf Seiten der Dolmetschenden führen kann, wird im ZÜ auch regelmäßig Supervision für Dolmetschende angeboten und ein kollegialer Austausch organisiert.

Warum wollten Sie sich in Ihrer Promotion damit auseinandersetzen?

Dolmetschende sind sehr wichtig, wenn es um die Versorgung geflüchteter Menschen geht. Das habe ich selbst sehr deutlich gemerkt, als ich mich in der Geflüchtetenhilfe engagiert habe. In versorgungspolitischen Diskussionen oder in wissenschaftlichen Artikeln äußert man sich häufig über sie, aber es wird selten mit ihnen gesprochen. Bei näherer Beschäftigung mit dem Thema wurde mir klar, dass Dolmetschende eine sehr komplexe Rolle einnehmen. Jede*r Dolmetschende bringt sehr unterschiedliche Erfahrungen, Intentionen und Erlebnisse in diese Settings mit. Diese Zusammenhänge haben mich besonders interessiert, weswegen ich gerne selbst dazu forschen wollte.

Was untersuchen Sie genau?

2019 haben wir eine bundesweite Onlinebefragung durchgeführt. Wir stellten Dolmetschenden viele Fragen zu ihrer Belastung im Allgemeinen und im Arbeitsalltag. So wollten wir herausfinden, unter welchen Umständen Dolmetschende arbeiten, wie es ihnen dabei geht und welche traumatischen Erfahrungen sie selbst möglicherweise erlebt haben. Zu einem späteren Zeitpunkt führen wir eine Folgeerhebung durch mit denjenigen, die bereits im letzten Jahr befragt wurden. Dabei geht es zusätzlich darum, welche Themen sich Dolmetschende in Fortbildungen wünschen.

Gibt es schon erste Ergebnisse?

An der Befragung haben insgesamt 162 Personen teilgenommen. Ungefähr ein Viertel ist selbst geflohen oder wurde vertrieben. Wir haben außerdem gesehen, dass die psychische Belastung bei Dolmetschenden, die im psychosozialen Setting, also z.B. in Beratungsstellen arbeiten, vergleichsweise höher war als bei Dolmetschenden, die im therapeutischen oder behördlichen Setting arbeiten. Viele der Dolmetschenden gaben an, entweder nie oder selten Unterstützungsangebote wie Supervision oder Intervision zu haben.

Welche praktischen Schlussfolgerungen erhoffen Sie sich?

Zunächst einmal erhoffe ich mir zur Sensibilisierung für die herausfordernde und wichtige Arbeit, die Dolmetschende in der Geflüchtetenhilfe leisten, beizutragen. Mein großes Anliegen ist, dass sich darüber die Arbeitsbedingungen der Dolmetschenden verbessern. Dazu gehören neben Fortbildungsangeboten u.a. auch die regelmäßige Möglichkeit von Supervision durch unabhängige Personen oder mindestens eines geschützten kollegialen Austausches. Darüber hinaus hoffe ich, dass ein besseres Verständnis der Dolmetschendenarbeit sich positiv auf die Versorgungssituation geflüchteter Menschen auswirkt.

> Jahresbricht 2019 als PDF
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