„In diesen ersten zwei Jahren war ich sehr angespannt und gestresst.“ – Jeri*, Klientin im Wohnverbund für Migrantinnen

Interview | #MenschenImZÜ

Einfach nur schlafen können

Jeri* ist Mitte zwanzig, kommt aus Somalia und ist seit Februar 2017 in Berlin. Seit Mai 2018 wird sie vom Wohnverbund für Migrantinnen (WV) betreut. Sie ist alleinstehend und hat ihre Familie in Ostafrika durch eine tödliche Infektionskrankheit verloren. Ohne Familie war sie völlig schutzlos, durchlitt traumatisierende Erfahrungen, im Zuge derer ihr Hörvermögen massiv beeinträchtigt wurde. Seit eineinhalb Jahren lebt sie in einer eigenen kleinen Wohnung.

Was war Ihre Vorstellung von Deutschland?

Mein Bild von Europa ist eigentlich durch den Film „HOME ALONE / Kevin allein zuhause“ aus den USA geprägt worden. Er spielt in New York. Als ich Schnee sah und den Weihnachtsmann, bekam dieses  Bild eine große Bedeutung für mich. Es wurde mein Traum von einer anderen, märchenhaften Welt. Diese Bilder haben mir Hoffnung und Kraft gegeben, als ich mich ohne Familie in den Slums von Ostafrika durchschlagen musste.

Und der erste Eindruck von Europa?

Kaum Schnee bisher (lacht), aber Weihnachtsdekoration macht mich glücklich. Ich genieße die Lichter und kaufe mir im Dezember etwas Besonderes zum Essen, beispielsweise Hähnchen oder Pizza. Zuerst war ich in einem kleinen Dorf. Das war sehr eintönig. Als ich nach Berlin kam, war ich überwältigt, denn hier gibt es immer etwas zu sehen und zu bestaunen. Zuerst habe ich mir ein 24h-Ticket der BVG gekauft und bin nur herumgefahren. Noch heute fahre ich einfach so im Bus durch die Stadt oder gehe gerne irgendwo spazieren.

Was war anstrengend im neuen Leben hier?

Ich hatte große Angst, dass ich keine Aufenthaltserlaubnis bekomme und zurückgeschickt werde. In diesen ersten zwei Jahren war ich sehr angespannt und gestresst. Ich musste die Unterkunft dreimal wechseln und hatte nirgends Privatsphäre. Ich musste häufig weinen, bin aber dann nach draußen gegangen, damit mich niemand dabei sieht. Die anderen hatten Familie, ich war allein. Ich hätte gerne Freunde gefunden. Gleichzeitig war ich aber so angespannt und verzweifelt. In Situationen, in denen ich mich schlecht behandelt fühlte, wurde ich schnell total sauer. Diese Gefühle konnte ich nicht kontrollieren, darum habe ich mich lieber abgesondert.

Was war hilfreich in diesem Prozess?

Ich bin froh, dass ich im Wohnverbund eine Anlaufstelle und viel Unterstützung gefunden habe. Meine Betreuerin hat mir geholfen, eine kleine Wohnung zu finden. Sie hat mir gezeigt, wie ich mich krank melden kann oder was ich alles ans Jobcenter schicken muss. Sie hat mir beigebracht, bürokratische Aufgaben selbst zu bewältigen. Es war viel, auch weil ich meine Putzstelle häufig gewechselt habe. Sie ist also eine große Unterstützung für mich. Ich finde aber auch gut, dass ich im Wohnverbund bei dem täglichen Programm mitmachen kann. Ich kann in den verschiedenen Gruppen Frauen kennenlernen und Freundschaften knüpfen.

Was gibt Ihnen ein Gefühl der Sicherheit?

Die Wohnung, die ich seit eineinhalb Jahren habe, ist mein kleines Paradies. Zum ersten Mal im Leben habe ich einen Raum nur für mich. Ich kann essen und schlafen, wann ich möchte und wenn ich putze, bleibt es sauber. Abends verlasse ich selten meine Wohnung, ich fühle mich sicher und wohl dort. Und ich bin froh, dass ich eine Arbeit habe, um mich von den Gedanken an die Vergangenheit abzulenken. Es ist für mich wie eine Therapie. Wenn ich nach getaner Arbeit abends nach Hause komme, bin ich müde und kann dann auch schlafen. In meiner Freizeit gehe ich spazieren oder schaue mir Dinge in den Läden an, die mir gefallen. Dann versuche ich, ähnliche Sachen auf dem Flohmarkt oder gebraucht im Internet zu bekommen. Auch das vertreibt meine schlechten Gedanken an die Vergangenheit.

Was vermissen Sie?

Meine Familie (weint)… ich möchte nicht danach gefragt werden, weil es so traurig ist. Jeder Mensch hat eine Familie, aber ich bin allein. Auch wenn die Familie weit weg wohnt, ist das besser als gar keine Verwandten zu haben. Es stresst mich, danach gefragt zu werden. Ich glaube nicht, dass ich eine eigene Familie haben werde. Mein Vertrauen zu Männern ist zerstört.

Was haben Sie für Pläne?

Ich arbeite dafür, dass ich reisen kann. Ich träume von den Städten in Europa, die ich besuchen möchte. In Paris war ich schon, dort konnte ich billig bei einer Bekannten wohnen. Es hat mich glücklich gemacht, als ich den Eiffelturm besuchen konnte.

Jährlich betreuen wir in unserem Wohnverbund über 50 Frauen. Dies können wir nur dank Ihrer Unterstützung leisten. Schenken Sie mit Ihrer Spende geflüchteten Frauen wie Jeri Hoffnung und Kraft, damit sie sich hier ein neues Leben aufbauen können.

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