Achtzehn Holzfiguren –  Symbole für Leid und Protest

Dina M.* ist seit zwei Jahren als trauma-therapeutische Patientin in der Ambulanz des Zentrum ÜBERLEBEN in Behandlung. Seitdem nimmt sie wöchentlich an der Kreativgruppe teil, in der kunsttherapeutisch gearbeitet wird. Hier gestaltete sie ihre 18 Holzfiguren, die im Zentrum ÜBERLEBEN mit 65 anderen Werken von Patient*innen gezeigt werden. Die Figuren erzählen ihre Geschichte, eine Geschichte von Menschenrechtsverletzungen, unsagbarem Leid und mutigem Protest von Müttern, die ihre Kinder verloren haben.

Was stellen die Figuren dar?

Jede Figur steht für eine ganz reale Frau im Iran, für ihre Geschichte und ihren Protest. Diese Frauen haben sich organisiert und sind auf die Straße gegangen. Sie tragen ein gemeinsames Schicksal, denn Kinder von ihnen sind durch das iranische Regime getötet worden. Ich bin eine von diesen Müttern. Mein Sohn wurde 2013 hingerichtet, nachdem er sechs Jahre inhaftiert gewesen war.

Welche Schicksale verbergen sich hinter den Figuren?

Sehen Sie diese Figur, eine Frau mit dem Tschador, das große Tuch, das sie um sich gewickelt hat. Ihr Sohn wurde drei Tage lange gefoltert und ist dabei gestorben. Oder diese Frau mit der Blume, sie hat sechs Kinder verloren. Und das ist die Mutter von der international bekannten Neda Agha-Soltan. Sie wurde während der Proteste gegen die iranischen Präsidentschaftswahlen 2009 durch einen Milizionär getötet. Bilder von Neda Agha-Soltan gingen um die Welt und sie ist zur Symbolfigur des iranischen Widerstands geworden. Ich zeige ihre Mutter an ihrem Grab, zu dem sie täglich geht.
Die Gesichter der Figuren sind nicht wichtig, doch jede Figur hat ein rotes Herz. Das ist wichtig. Die Herzen sind verletzt und darum habe ich hier rot benutzt, die einzige Farbe bei den Holzskulpturen.

Sind die Frauen gefährdet?

Ja, denn sie machen die Menschenrechtsverletzungen im Iran öffentlich und das wird vom Regime verboten und unterdrückt. Wenn die Frauen auf die Straße gehen, werden sie verhaftet. Schauen Sie, diese Figur, die eine Flagge um den Körper geschlungen hat, sie steht für eine Mitstreiterin, die jetzt im Gefängnis ist. Darum treffen sich die protestierenden Mütter in Meetings zu Hause und sind vernetzt. Der Widerstand drückt sich mehr über die sozialen oder in ausländischen Medien.

Was war mit Ihnen?

Als vor zwei Jahren ein weiteres Kind von mir bedroht und ich auf diese Weise erpresst wurde, bin ich zusammen mit ihm nach Deutschland geflohen. Ich hoffe, dass der Rest meiner Familie bald den Iran verlassen kann. Diese Situation ist sehr schwer.

Welche Bedeutung hat die Kunsttherapie und diese Ausstellung für Sie?

Jeder von uns schleppt die Vergangenheit mit sich herum. Das hier ist eine Sammlung der bitteren Erfahrungen von damals, von Iranern, Jesiden und Syrern, aus Ländern, in denen Katastrophales passiert. Das Geschehene lässt uns nicht in Frieden. In der Kreativgruppe gelingt es uns, Momente der Ruhe zu finden, uns darauf zu besinnen, was geschehen ist. Ich selbst bin sehr froh, dass ich hier mit Holz arbeiten kann. Dadurch fühle ich mich mit meinem verstorbenen Sohn verbunden, der im Gefängnis sehr viel handwerklich damit gestaltet hatte.
In der Kunsttherapie werden wir alle mit offenen Armen empfangen und wir werden mit unseren Verletzungen, mit unseren Herzverletzungen angenommen. Das ist für mich eine sehr wichtige Erfahrung. Ich bin sehr froh, dass meine Figuren im Zentrum ÜBERLEBEN ausgestellt werden, weil ich dadurch zeigen kann, was passiert ist und noch passiert.

→ Helfen Sie Patient*innen wie Dina ihren neuen Lebensweg zu beschreiten – mit einer Spende unter dem Stichwort „ZUE 01-2020“.

> Eindrücke von der Kunstausstellung der Kreativgruppe

 

Foto: Zentrum ÜBERLEBEN

 

*anonymisiert