Auf die Bedarfe traumatisierter Menschen noch besser eingehen:

Stepped Care könnte eine Lösung sein

Seit 2019 gibt es ein Kooperationsprojekt zwischen dem Zentrum ÜBERLEBEN und Refugio München zum sogenannten „stepped care-Ansatz“. Es befasst sich mit einem sich immer mehr verbreitenden Behandlungsansatz, der die Behandlung von traumatisierten geflüchteten Menschen effektiver und individueller gestalten soll. Ein zusätzliches Merkmal des Projekts: Es wird von den Forschungsabteilungen beider Zentren wissenschaftlich begleitet und evaluiert. Das Projekt endet noch 2022.

Unsere Kolleginnen Dr. Tanja Waiblinger (Leiterin der Ambulanten Abteilung für Erwachsene) und Dr. Nadine Stammel (ehemalige Leiterin der Forschungsabteilung) berichten über ihre Erfahrungen und die Umsetzung von „stepped care“ im Zentrum ÜBERLEBEN.

Nadine, Kannst Du kurz umreißen, was das „stepped care-Modell“ bedeutet und worauf es abzielt?

NaSt: Ein stepped care-Behandlungsansatz beschreibt ein gestuftes Vorgehen in der psychotherapeutischen Behandlung. Trotz der oftmals starken psychischen Belastungen von geflüchteten psychisch kranken Menschen besteht im Bereich der psychotherapeutischen Behandlung allgemein eine große Versorgungslücke. In den letzten Jahren wurden zur verbesserten Versorgung von Geflüchteten häufig Stufenmodelle, sogenannte stepped care-Modelle, empfohlen. Hier sollen Geflüchtete abhängig von der Schwere ihrer Erkrankung unterschiedlich ressourcenintensive Interventionen erhalten, um so mehr Geflüchteten niedrigschwellige Angebote anbieten zu können und die hochschwelligen Angebote den sehr belasteten Menschen vorzubehalten. Ein ähnliches Vorgehen wird auch in der ambulanten Abteilung des ZÜ durchgeführt. Die Patient:innen durchlaufen je nach der Schwere und Dauer ihrer Problematik unterschiedliche Behandlungsstufen. Da unsere Einrichtung speziell auf schwer belastete Patientengruppen ausgerichtet ist, schauen wir uns hier allerdings verschiedene hochschwellige Behandlungsstufen an.

Wie stellt sich stepped care in unserer Aufnahmepraxis dar?

TW: Aufgrund der inzwischen erreichten Größe des Zentrums leben wir den stepped care-Ansatz innerhalb des gesamten Zentrums und im Sinne eines speziellen Projektes seit 2019 in der ambulanten Abteilung für Erwachsene. Wenn ich innerhalb des gesamten Zentrums sage, meine ich damit, dass die einzelnen Abteilungen in gewissem Sinne für unterschiedliche steps stehen. Nach Kontaktaufnahme mit uns versuchen wir anhand bestehender Kriterienkataloge auszusuchen, welche Abteilung das richtige Angebot für die anfragende Patientin oder den Patienten vorhält. Zum Beispiel braucht eine erst kürzlich nach Deutschland eingereiste und belastete Person ganz andere Angebote als eine Person, die schon mehrere Jahre in Deutschland lebt und aufgrund ihrer Traumatisierung vielfach stationär psychiatrisch behandelt wurde.

Heißt das auch, dass Patient:innen zwischen niedrig- und höherschwelligen Angeboten wechseln? Kannst Du das an einem Fallbeispiel aufzeigen?

TW: Ja, es ist möglich zwischen den steps, bzw. Abteilungen zu wechseln. Wenn beispielsweise eine neu eingereiste, belastete Person von unseren Kolleg:innen der BNS-Fachstelle im ZÜ gesehen wird und ihre Bedarfe ermittelt werden, kann die Person, sollte eine traumafokussierte Therapie in Muttersprache mit begleitender Sozialarbeit indiziert sein, zu uns in die ambulante Abteilung für Erwachsene wechseln. Genauso ist es möglich, dass wir für eine Patientin oder einen Patienten in einer schweren Krise, in der eigentlich eine stationäre Aufnahme angezeigt wäre, bei unseren Kolleg:innen in der Tagesklinik für eine Intervalltherapie anfragen. So können wir eine Einweisung auf eine geschützte Station vermeiden, dem aktuellen Bedarf der Person aber dennoch gerecht werden.

Innerhalb unserer Abteilung leben wir den stepped care-Ansatz insofern, als dass wir Unterschiede qualitativer und quantitativer Weise in unseren Angeboten machen. So bieten wir z.B. nach einem Erstkontakt auch die begleitete Weitervermittlung ins gesundheitliche Regelsystem an, nehmen für eine gruppentherapeutische Maßnahme, oder aber für das sogenannte „Akutpaket“ auf, welchem eine Kurzzeit- oder Langzeittherapie folgen kann.

Es ist wichtig, die einzelnen steps gut voneinander abzugrenzen, aber sie trotzdem permeabel zu halten. Damit meine ich den Wechsel zwischen unseren Angeboten; da sich häufig erst nach Bildung einer Vertrauensbeziehung bestimmte Bedarfe zeigen, die bei Erstkontakt noch nicht angesprochen werden konnten.

Was sind die Vorteile von stepped care für den Behandlungsprozess?

TW: Sich gemeinsam und in Absprache mit den Patient:innen therapeutisch auf das zu konzentrieren, was sie aktuell brauchen, ist in der Regel erfolgreicher und kosteneffektiver, als Patient:innen „alles“ was die therapeutische Einrichtung zur Verfügung hat anzubieten.

Ihr führt dieses Projekt mit Refugio München durch – welche Vorteile ergeben sich dadurch?

NaSt: Refugio München und das Zentrum ÜBERLEBEN verfügen als zwei von sehr wenigen psychosozialen Zentren über eigene Forschungsabteilungen. Bisher gibt es nur wenige systematische wissenschaftliche Evaluationen von multimodalen bzw. multidisziplinären Therapieansätzen, wie sie oftmals in den psychosozialen Zentren durchgeführt werden. Diese sind gekennzeichnet durch die Integration mehrerer Disziplinen in den Behandlungsprozess – neben der psychotherapeutischen Arbeit ist auch die soziale Arbeit eine wichtige Behandlungskomponente, die bei Bedarf durch psychiatrische Mitbehandlung oder andere Therapieansätze ergänzt werden kann. Durch die gemeinsame Auswertung der Daten haben wir nicht nur einen größeren Datensatz – wir können auch Aussagen über beide Zentren hinweg treffen. Wir werten im Rahmen des Projekts jedoch nicht das stepped-care Angebot des gesamten Zentrums, sondern ausschließlich das der ambulanten Abteilung für Erwachsene aus. Insgesamt ist der wissenschaftliche Austausch zwischen den Zentren eine große Bereicherung und wir hoffen, die Kooperation zwischen den Forschungsabteilungen auch in Zukunft weiterzuführen.

Wie werdet Ihr das Projekt evaluieren?

NaSt: Wir versuchen die einzelnen Behandlungsabschnitte zu evaluieren, um mehr darüber zu wissen, welche Patient:innengruppen von welchen Behandlungsstufen am meisten profitieren. Dabei schauen wir uns auch an, welche Behandlungsabschnitte mit welchen Veränderungen in der psychischen Belastung einhergehen. Die Patient:innen werden zu Beginn ihrer Behandlung im Zentrum ÜBERLEBEN bzw. bei Refugio München sowie in dessen Verlauf mittels Fragebögen zu vorhandenen psychischen Symptomen im Bereich Traumafolgestörungen befragt. Ebenso befragen wir unsere Patient:innen zu bestimmten Lebensumständen, die mit zusätzlichen psychischen Belastungen einhergehen können. Dazu zählen zum Beispiel die Wohnsituation, der Aufenthaltsstatus oder die Frage, ob sie alleine oder mit Familienmitgliedern nach Deutschland gekommen sind.

Und was wollt Ihr dabei herausfinden?

NaSt: Ein Ziel ist, insgesamt mehr darüber herauszufinden, wie gestufte Behandlungsansätze bei traumatisierten Geflüchteten wirken und welche Patient:innengruppen am meisten davon profitieren, um solche Ansätze in Zukunft noch besser steuern zu können. Dies ist z.B. der Fall, wenn mehr über bestimmte Risikogruppen bekannt ist. Der klinische Eindruck bestätigt bereits, dass ein gestufter Ansatz hilfreich ist für unser Klientel, uns ist aber wichtig, dies durch eine systematische Befragung mittels objektiverer Kriterien zu überprüfen.

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